AFP-Wert erhöht? Alpha-Fetoprotein als Tumormarker
AFP-Wert einordnen: Normbereich beim Erwachsenen unter 7 µg/l, warum Hepatitis und Leberzirrhose ihn harmlos erhöhen und was die deutsche S3-Leitlinie sagt.
Das Alpha-Fetoprotein (AFP) ist ein Eiweiß aus der Zeit vor der Geburt: Der Fötus bildet es in großen Mengen, nach der Geburt fällt die Konzentration ab, und beim Erwachsenen bleibt nur eine kleine Restmenge im Blut. Genau deshalb fällt ein Anstieg auf. Bestimmt wird der AFP-Wert in zwei völlig verschiedenen Situationen: als Tumormarker beim Erwachsenen — vor allem bei Lebererkrankungen und Keimzelltumoren des Hodens — und als Suchtest in der Schwangerschaft. Dieser Ratgeber trennt beide Wege, zeigt die Normwerte, erklärt das Einheitenwirrwarr aus µg/l, ng/ml und IU/ml und sagt anhand der deutschen Leitlinien, was ein erhöhter Wert bedeutet — und vor allem, was er nicht bedeutet. AFP gehört eng zu den Leberwerten und wird nie isoliert gelesen.
Das Wichtigste in Kürze
- Beim Erwachsenen liegt AFP orientierend unter 7 µg/l; ein anderes deutsches Labor nennt denselben Bereich ≤ 5,8 IU/ml — dieselbe Größe, andere Einheit.12
- Die häufigste Ursache eines leicht erhöhten Werts ist kein Tumor, sondern die Leber: Hepatitis, Zirrhose und Leberregeneration erhöhen AFP unspezifisch.34
- Die deutsche S3-Leitlinie zum hepatozellulären Karzinom stuft AFP in der Früherkennung als Kann-Empfehlung ein: Der Ultraschall ist der Kern, AFP eine Ergänzung.5
- Bei Verdacht auf einen Keimzelltumor des Hodens sollen AFP, Beta-hCG und LDH vor der Operation bestimmt werden.4
- Reine Seminome und Chorionkarzinome zeigen nie erhöhte AFP-Werte — ein normales AFP schließt einen Hodentumor nicht aus.41
- Tumormarker bei Beschwerdefreien gelten in Deutschland ausdrücklich als nicht geeignet zur Krebsfrüherkennung.6
Was ist Alpha-Fetoprotein?
AFP ist ein Glykoprotein mit einem Molekulargewicht von etwa 70 kDa. Gebildet wird es im Dottersack, in den fetalen Leberzellen und im fetalen Magen-Darm-Trakt. Der Fötus scheidet es über die Nieren ins Fruchtwasser aus, von dort gelangt es über die Plazenta in das Blut der Mutter. Nach der Geburt fällt die AFP-Konzentration beim Neugeborenen kontinuierlich ab — allerdings über Monate hinweg.1
Beim Erwachsenen kann die AFP-Produktion wieder anspringen: bei bestimmten Tumoren, aber genauso bei Leberzellen, die sich erneuern. Das ist der Schlüssel zu diesem Marker — er zeigt „fötale" Aktivität an, nicht „Krebs".
Zwei Anwendungen, die man nie verwechseln darf. Beim Erwachsenen ist AFP ein Tumormarker: Leber, Hoden, Eierstock. In der Schwangerschaft ist AFP ein Suchtest auf offene Neuralrohr- und Bauchwanddefekte beim Kind — mit eigenem Zeitfenster, eigener Einheit (MoM) und eigener Beratungspflicht. Sind Sie schwanger, ist der Abschnitt weiter unten für Sie relevant, nicht die Tumormarker-Abschnitte.
Warum wird der AFP-Wert bestimmt?
Ihre Ärztin oder Ihr Arzt kann AFP anfordern, um
- bei Risikopatienten für ein hepatozelluläres Karzinom (Leberzirrhose, chronische Hepatitis B oder C) die halbjährliche Ultraschall-Früherkennung zu ergänzen;53
- bei Verdacht auf einen Keimzelltumor (Hoden, Eierstock, extragonadal) gemeinsam mit Beta-hCG und LDH das Stadium festzulegen;4
- den Verlauf einer bekannten Erkrankung zu kontrollieren — bei Leber- und Hodenkrebs ist dieser Nutzen belegt;6
- einen auffälligen Leberbefund einzuordnen, zusammen mit GPT, GOT, Gamma-GT und Bilirubin.
Was AFP nicht ist: ein Suchtest für gesunde Menschen. Der Krebsinformationsdienst des DKFZ formuliert das unmissverständlich — Tumormarker seien „grundsätzlich nicht geeignet, um als alleinige Untersuchung Krebs frühzeitig zu erkennen": Sie können sich auch ohne Krebs erhöhen, und unauffällige Werte schließen eine Krebserkrankung nicht sicher aus. Ohne Anlass angeboten, ist eine solche Bestimmung eine IGeL-Leistung.6
Müssen Sie für die AFP-Bestimmung nüchtern sein?
Nein. AFP wird als Immunoassay gemessen und hängt nicht von der letzten Mahlzeit ab. Wichtiger ist zweierlei: hochdosiertes Biotin (über 5 mg pro Tag, oft in Haar- und Nagelpräparaten) kann die Messung stören — die Blutentnahme sollte frühestens 8 Stunden nach der letzten Einnahme erfolgen;7 und Verlaufskontrollen gehören möglichst ins selbe Labor.
Normwerte und Einheiten
Die folgenden Werte sind Orientierungswerte aus deutschen Laborverzeichnissen. Maßgeblich ist immer der Bereich auf Ihrem Befund.
| Situation | Orientierender Bereich | Quelle |
|---|---|---|
| Erwachsene | < 7 µg/l | Universitätsklinikum Ulm1 |
| Erwachsene (andere Einheit) | ≤ 5,8 IU/ml | LADR2 |
| Erwachsene | ≤ 7,00 µg/l | Endokrinologikum7 |
| Neugeborene bei Geburt | < 70 000 µg/l | Universitätsklinikum Ulm1 |
| 2.–3. Lebenswoche | 500 – 4 000 µg/l | Universitätsklinikum Ulm1 |
| ab dem 10. Lebensmonat | < 20 µg/l | Universitätsklinikum Ulm1 |
| Schwangerschaft | eigener Bereich je nach SSW, Angabe in MoM | Endokrinologikum7 |
Einheiten — hier entsteht die meiste Verwirrung. µg/l und ng/ml sind zahlenmäßig identisch: 7 µg/l sind 7 ng/ml. Anders ist es bei den internationalen Einheiten: IU/ml × 1,21 = µg/l, umgekehrt µg/l × 0,83 = IU/ml.17 Deshalb passen die scheinbar unterschiedlichen Angaben „< 7 µg/l" und „≤ 5,8 IU/ml" exakt zusammen — 5,8 × 1,21 ergibt rund 7. Die Methoden sind auf den 1. WHO-Referenzstandard 72/225 kalibriert.1 In der Schwangerschaft kommt eine dritte Größe hinzu: der MoM-Wert („multiple of median"), also das Vielfache des Medians der jeweiligen Schwangerschaftswoche.7
Beachten Sie bei Kindern das Alter: Ein Säugling hat physiologisch tausendfach höhere Werte als ein Erwachsener — ohne passende Altersnorm ist ein pädiatrischer AFP-Wert nicht beurteilbar.8
Ihre Ergebnisse einordnen
Erhöhtes AFP: zuerst an die Leber denken — und meist an etwas Gutartiges
Der wichtigste Satz dieses Ratgebers: Ein leicht erhöhtes AFP ist meistens keine Krebsdiagnose. Die S3-Leitlinie zu den Keimzelltumoren des Hodens listet die Differenzialdiagnosen auf: „Bei leichtgradiger AFP-Werterhöhung kommen differentialdiagnostisch auch eine Freisetzung von AFP aus der Leber, z. B. durch benigne oder maligne Lebererkrankungen, Biotineinnahme und Kreuzantikörper in Frage."4
Der Krebsinformationsdienst wird ebenso deutlich: Der Wert könne „auch bei Patienten mit einer Leberzirrhose oder anderen gutartigen Lebererkrankungen erhöht sein".6 Erneuert sich Ihre Leber nach einer Entzündung, produzieren die nachwachsenden Zellen wieder AFP — wie fetales Lebergewebe. Ein moderat erhöhter Wert bei bekannter Hepatitis oder Zirrhose ist daher häufig und erwartbar, kein Alarmzeichen.
Ergänzend lohnt der Blick auf die anderen Lebergrößen: Albumin, der Quick-Wert — die Leber stellt die Gerinnungsfaktoren her —, die Thrombozyten und die Eiweißelektrophorese sagen über den Zustand der Leber oft mehr aus als AFP allein. Bei jüngeren Menschen mit unklarer Lebererkrankung gehört auch das Coeruloplasmin zur Abklärung.
AFP in der Leberkrebs-Früherkennung: was die deutsche S3-Leitlinie wirklich sagt
Hier lohnt genaues Hinsehen, weil international unterschiedlich beurteilt wird. Die S3-Leitlinie „Diagnostik und Therapie des Hepatozellulären Karzinoms und biliärer Karzinome" (Leitlinienprogramm Onkologie, AWMF 032-053OL) trennt zwei Empfehlungen:5
- Empfehlung 3.13, Empfehlungsgrad A (starke Empfehlung, „soll"): „Im Rahmen der HCC-Früherkennung soll alle 6 Monate eine Ultraschalluntersuchung der Leber durchgeführt werden."
- Empfehlung 3.14, Empfehlungsgrad 0 (offene Empfehlung, „kann"): „Die Früherkennung kann durch eine AFP-Bestimmung ergänzt werden."
Beide wurden im starken Konsens verabschiedet. Die Begründung im Leitlinientext benennt den internationalen Dissens offen: „Die Früherkennung des HCC mit alleiniger Sonographie ist unbefriedigend. Obwohl in den EASL- und AASLD-Leitlinien keine AFP-Bestimmung empfohlen wird, zeigte eine Metaanalyse, dass die Sensitivität der Früherkennung durch eine zusätzliche AFP-Bestimmung erhöht wird."5 Gemeint ist die Metaanalyse, die für Ultraschall allein eine Sensitivität von rund 45 % für frühe Stadien fand gegenüber rund 63 % für Ultraschall plus AFP.9
Praktisch heißt das: Der Ultraschall alle sechs Monate ist der Kern der Früherkennung, AFP eine mögliche Ergänzung — kein Pflichtbestandteil. Der Krebsinformationsdienst gibt dieselbe Abstufung an Betroffene weiter: „Betroffene sollten ihre Leber alle 6 Monate mit Ultraschall untersuchen lassen. Ergänzend kann der Arzt oder die Ärztin den Tumormarker Alpha-Fetoprotein bestimmen." Und zur Aussagekraft: „Für die Diagnose von Leberkrebs ist der Tumormarker zu ungenau"; „im frühen Krebsstadium ist das Alpha-Fetoprotein oft normal".3 Ein normaler AFP-Wert ersetzt den Ultraschall also nicht.
AFP bei Keimzelltumoren des Hodens
Bei Hodentumoren ist die Rolle von AFP viel fester. Die S3-Leitlinie Keimzelltumoren des Hodens (AWMF 043-049OL) empfiehlt mit 100 % Konsensstärke: „Bei Patienten mit Verdacht auf einen KZT sollen vor der Ablatio testis die Serumtumormarker AFP, Beta-hCG und LDH bestimmt werden." Präoperativ erhöhte Werte sollen danach alle fünf bis sieben Tage bis zum Normalwert beziehungsweise Nadir kontrolliert werden.4
Drei Zahlen zur Einordnung, alle aus derselben Leitlinie: Eine AFP-Erhöhung findet sich bei 40–60 % der nichtseminomatösen Keimzelltumoren. Bei reinen Seminomen und reinen Chorionkarzinomen werden erhöhte AFP-Werte nicht nachgewiesen — ein erhöhtes AFP spricht also gegen ein reines Seminom. Und die Eliminationshalbwertszeit beträgt für AFP etwa 5 Tage, für Beta-hCG rund 1,5 Tage — deshalb die engmaschigen Kontrollen.4
Für Beta-hCG spricht dieselbe Leitlinie eine wichtige Entwarnung aus: Leichte Erhöhungen können durch regelmäßigen Cannabiskonsum oder einen Hypogonadismus entstehen.4 Hodenkrebs ist in Deutschland selten und zugleich der häufigste bösartige Tumor junger Männer — das Robert Koch-Institut zählte 2023 3 910 Neuerkrankungen, mittleres Erkrankungsalter 39 Jahre.10 Die Heilungsraten sind hoch: im Stadium I über 99 %.11
Normales oder niedriges AFP
Ein AFP im Referenzbereich ist beim Erwachsenen der Normalzustand. Ein niedriges AFP ist keine Krankheit. Es entwarnt aber nicht vollständig: Frühe Leberkarzinome und reine Seminome laufen ohne AFP-Anstieg.34 Deshalb bleiben Bildgebung und klinische Untersuchung führend.
AFP in der Schwangerschaft — ein ganz anderer Test
In der Schwangerschaft wird AFP im mütterlichen Serum als Suchtest auf offene Neuralrohrdefekte und Bauchwanddefekte eingesetzt. Das Zeitfenster ist eng: Ein deutsches Speziallabor gibt die 15. bis 18. Schwangerschaftswoche (SSW 14+0 bis 17+6) an. Bewertet wird nicht die Konzentration, sondern der MoM-Wert; als Grenzwert werden bei Einzelschwangerschaften in der Regel 2,5 MoM angesetzt, bei Zwillingen 4 MoM. Die Entdeckungsrate liegt bei etwa 90 % für Anenzephalie, 80 % für Spina bifida und rund 50 % für Bauchwanddefekte.7 Ein Universitätslabor nennt für den 2,5-MoM-Grenzwert eine Spezifität von 97 % und eine Sensitivität von 70 % für ein offenes Neuralrohr; manche Untersucher wählen 2,0 MoM.1
Daraus folgt zweierlei. Erstens: Es ist ein Suchtest, keine Diagnose. Ein auffälliger Wert führt zu weiterer Ultraschalldiagnostik, nicht zu einer Festlegung. Zweitens gehört die Bewertung in die Schwangerenvorsorge — deutsche Labore weisen darauf hin, dass in der Schwangerschaft die Vorgaben des Gendiagnostikgesetzes (GenDG) zu beachten sind.2 Deshalb nennt dieser Ratgeber bewusst keine Wochentabelle in µg/l: Ohne exakte Schwangerschaftswoche und ohne den laboreigenen Median wäre eine solche Zahl irreführend.
Einflussfaktoren
Auf den AFP-Wert wirken: das Alter (beim Säugling physiologisch extrem hoch),18 eine Schwangerschaft, Lebererkrankungen aller Art,46 die Tumorart (reine Seminome bleiben AFP-negativ)4 sowie methodische Störfaktoren: hochdosiertes Biotin, Rheumafaktoren, humane Anti-Maus-Antikörper (HAMA) und Kreuzantikörper.714 Weil Verfahren und Referenzbereiche zwischen Laboren abweichen, ist der Vergleich zweier Werte aus verschiedenen Laboren wenig aussagekräftig.
Neue Erkenntnisse aus der Forschung
Aus aktuellen Publikationen (PubMed) und den deutschen Leitlinien:
- AFP allein reicht nicht — Kombinationen sind besser. Der GALAD-Score kombiniert Geschlecht, Alter, AFP, AFP-L3 und DCP. In einer Phase-3-Validierungsstudie erkannte er ein hepatozelluläres Karzinom ein Jahr vor der Diagnose mit 62 % Sensitivität gegenüber 41 % für AFP allein, bei gleicher Spezifität.12 Die S3-Leitlinie hält fest, GALAD sei der alleinigen AFP-Bestimmung „immer deutlich überlegen" gewesen.5
- Auch bei Fettlebererkrankung. In einer für die S3-Leitlinie ausgewerteten Fall-Kontroll-Studie bei frühem HCC auf dem Boden einer MASH lag die Sensitivität des GALAD-Scores bei 68 %, die Spezifität bei 98 % — ohne Unterschied zwischen Patienten mit und ohne Zirrhose.135
- Bei Keimzelltumoren zählt die Kinetik. Eine Übersichtsarbeit verfolgt AFP, Beta-hCG und LDH „von der Diagnose bis zur Heilung" und beschreibt, wie stark der Abfallverlauf nach Therapie den weiteren Krankheitsverlauf vorhersagt.14
- Kinderwerte sind keine kleinen Erwachsenenwerte. Eine Übersichtsarbeit zur pädiatrischen Onkologie zeigt, wie stark die AFP-Referenzbereiche in den ersten Lebensmonaten schwanken — ohne altersgenaue Norm ist keine Beurteilung möglich.8
Diese Erkenntnisse betreffen Diagnostik und Verlaufskontrolle. Sie rechtfertigen keine Selbstbehandlung und ersetzen kein ärztliches Gespräch.
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Ein AFP-Wert steht nie für sich allein. Seine Bedeutung ergibt sich aus Ihrer Situation, aus der Höhe, aus dem Verlauf über mehrere Messungen und aus der Bildgebung. Ein erhöhter Wert ist keine Diagnose.
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Häufige Fragen
Was heißt AFP? AFP steht für Alpha-Fetoprotein, gelegentlich auch Alpha-1-Fetoprotein geschrieben. Es ist ein Eiweiß, das vor allem vor der Geburt gebildet wird — im Dottersack, in der fetalen Leber und im fetalen Magen-Darm-Trakt.1
Welcher AFP-Wert ist normal? Beim Erwachsenen orientierend unter 7 µg/l beziehungsweise ≤ 5,8 IU/ml — dieselbe Größe in zwei Einheiten.12 Bei Säuglingen und in der Schwangerschaft gelten völlig andere Bereiche. Verbindlich ist der Referenzbereich auf Ihrem eigenen Befund.
Was bedeutet ein erhöhter AFP-Wert? Zunächst nur, dass irgendwo wieder AFP gebildet wird. Am häufigsten steckt eine gutartige Lebererkrankung dahinter — Hepatitis, Zirrhose, Leberregeneration —, außerdem eine Schwangerschaft, seltener ein Tumor. Auch Biotinpräparate und Kreuzantikörper können den Wert verfälschen.46
Ist AFP ein Krebsmarker? Ja, aber ein eingeschränkter. Bei Leber- und Hodenkrebs ist der Nutzen für Diagnose, Prognoseeinschätzung, Verlaufskontrolle und Nachsorge belegt.6 Als alleiniger Test zur Krebsfrüherkennung bei Beschwerdefreien ist AFP nicht geeignet.6
Wie hoch ist der AFP-Wert bei Leberkrebs? Darauf gibt es keine belastbare Antwort, und genau das ist die Botschaft: Der Wert ist im frühen Stadium oft normal, und er kann ohne Krebs erhöht sein.3 Es gibt keinen Schwellenwert, aus dem sich eine Diagnose ableiten ließe — dafür ist die Bildgebung zuständig.
Welcher Blutwert deutet auf Leberkrebs hin? Kein einzelner. Die S3-Leitlinie stützt die Früherkennung auf den Ultraschall alle sechs Monate (Grad A); AFP kann ergänzen (Grad 0).5 Auffällige Leberwerte zeigen eine Leberbelastung, keinen Tumor.
Muss ich für die AFP-Bestimmung nüchtern sein? Nein. Wichtiger ist, hochdosiertes Biotin (über 5 mg täglich) mindestens 8 Stunden vor der Blutentnahme wegzulassen und Kontrollen möglichst im selben Labor durchführen zu lassen.7
Warum wird AFP zusammen mit Beta-hCG bestimmt? Weil das Muster der beiden Marker die Keimzelltumoren unterscheidet: Reine Seminome sind AFP-negativ, Dottersacktumoren AFP-positiv, Chorionkarzinome hCG-positiv.14 Deshalb sollen bei Verdacht immer AFP, Beta-hCG und LDH gemeinsam bestimmt werden.
Ist der AFP-Test in der Schwangerschaft dasselbe wie der Tumormarker? Nein. Es ist derselbe Messwert, aber ein anderer Test mit anderer Fragestellung: Suche nach offenen Neuralrohr- und Bauchwanddefekten, Zeitfenster 15.–18. SSW, Bewertung in MoM statt in µg/l.7 Die Auswertung gehört in die Schwangerenvorsorge.
Auf einen Blick
Das Alpha-Fetoprotein ist ein fötales Eiweiß, das beim Erwachsenen nur in Spuren vorkommt — orientierend unter 7 µg/l, was ≤ 5,8 IU/ml entspricht.12 Es hat zwei getrennte Aufgaben: Tumormarker bei Lebererkrankungen und Keimzelltumoren, Suchtest in der Schwangerschaft. Der wichtigste Satz bleibt: Ein erhöhtes AFP ist keine Krebsdiagnose — die häufigste Ursache ist die Leber selbst.46 In der Leberkrebs-Früherkennung ist der Ultraschall alle sechs Monate die starke Empfehlung (Grad A), AFP eine offene Kann-Empfehlung (Grad 0).5 Bei Verdacht auf einen Hodentumor dagegen soll AFP mit Beta-hCG und LDH vor der Operation bestimmt werden.4 Entscheidend sind Höhe, Verlauf und Kontext — nie eine einzelne Zahl. Genau dieses Gesamtbild erstellt auch AI DiagMe, ergänzend zu Ihrer ärztlichen Betreuung.
Verwandte Ratgeber: Tumormarker, Beta-hCG, PSA-Wert, CEA, CA 19-9, CA 125, CA 15-3, Leberwerte und Quick-Wert.
Quellen
Deutsche Leitlinien, Laborverzeichnisse und wissenschaftliche Publikationen (PubMed), die für diesen Ratgeber ausgewertet wurden:
Footnotes
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Universitätsklinikum Ulm, Zentrale Einrichtung Klinische Chemie — Leistungsverzeichnis alpha1-Fetoprotein, Revision 004 vom 24.01.2024 (Einheit µg/l; Umrechnung IU/ml × 1,21 = µg/l und µg/l × 0,83 = IU/ml; Erwachsene < 7 µg/l; Neugeborenen- und Säuglingswerte; Kalibration auf den 1. WHO-Referenzstandard 72/225; Störfaktoren Biotin, Rheumafaktoren, HAMA; Marker-Muster AFP/hCG; MoM-Grenzwert 2,5 mit 97 % Spezifität und 70 % Sensitivität für ein offenes Neuralrohr). uniklinik-ulm.de ↩ ↩2 ↩3 ↩4 ↩5 ↩6 ↩7 ↩8 ↩9 ↩10 ↩11 ↩12 ↩13 ↩14 ↩15 ↩16
-
LADR Laborverbund Dr. Kramer & Kollegen, A–Z Laboranalysen — AFP (α1-Fetoprotein) (Männer und nicht schwangere Frauen ≤ 5,8 IU/ml; Indikationen unter anderem hepatozelluläres Karzinom, Keimzelltumoren, pränatale Diagnostik; Hinweis auf das Gendiagnostikgesetz in der Schwangerschaft). ladr.de ↩ ↩2 ↩3 ↩4 ↩5
-
Krebsinformationsdienst, Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ) — Leberkrebs („Für die Diagnose von Leberkrebs ist der Tumormarker aber zu ungenau"; „Im frühen Krebsstadium ist das Alpha-Fetoprotein oft normal"; Früherkennung mit Ultraschall alle 6 Monate, AFP ergänzend). krebsinformationsdienst.de ↩ ↩2 ↩3 ↩4 ↩5
-
Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF) — S3-Leitlinie Diagnostik, Therapie und Nachsorge der Keimzelltumoren des Hodens, Langversion 1.1, Februar 2020, AWMF-Registernummer 043-049OL, aktuell verfügbare Fassung des Leitlinienprogramms (Empfehlungen 6.9 und 6.10; AFP-Erhöhung bei 40–60 % der nichtseminomatösen Keimzelltumoren; reine Seminome und Chorionkarzinome AFP-negativ; Differenzialdiagnosen leichter AFP-Erhöhungen; Halbwertszeiten AFP 5 Tage, Beta-hCG 1,5 Tage; Cannabiskonsum und Hypogonadismus). leitlinienprogramm-onkologie.de ↩ ↩2 ↩3 ↩4 ↩5 ↩6 ↩7 ↩8 ↩9 ↩10 ↩11 ↩12 ↩13 ↩14 ↩15 ↩16
-
Leitlinienprogramm Onkologie (Deutsche Krebsgesellschaft, Deutsche Krebshilfe, AWMF) — S3-Leitlinie Diagnostik und Therapie des Hepatozellulären Karzinoms und biliärer Karzinome, Langversion 5.2, Juni 2025, AWMF-Registernummer 032-053OL (Empfehlung 3.13 Ultraschall alle 6 Monate, Grad A; Empfehlung 3.14 „Die Früherkennung kann durch eine AFP-Bestimmung ergänzt werden", Grad 0, Level of Evidence 1, starker Konsens; Hintergrundtext zu EASL/AASLD und GALAD). Status: Gültigkeit laut Dokument bis August 2025, eine Version 6 ist in Konsultation. register.awmf.org ↩ ↩2 ↩3 ↩4 ↩5 ↩6 ↩7 ↩8
-
Krebsinformationsdienst, Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ) — Tumormarker und andere Biomarker bei Krebs (belegter Nutzen von AFP bei Leber- und Hodenkrebs für Diagnose, Prognose, Verlaufskontrolle und Nachsorge; Erhöhung auch bei Leberzirrhose und anderen gutartigen Lebererkrankungen) sowie Tumormarker bei Gesunden – grundsätzlich keine gute Idee (Tumormarker sind grundsätzlich nicht geeignet, um als alleinige Untersuchung Krebs frühzeitig zu erkennen; falsch positive und falsch negative Befunde; Einordnung als IGeL-Leistung). Biomarker · Tumormarker bei Gesunden ↩ ↩2 ↩3 ↩4 ↩5 ↩6 ↩7 ↩8 ↩9
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endokrinologikum aesculabor Hamburg, Leistungsverzeichnis — Alpha1-Fetoprotein (Referenzbereich ≤ 7,00 µg/l; Umrechnung µg/l × 0,83 = IU/ml; Biotin über 5 mg pro Tag, Blutentnahme frühestens 8 Stunden nach der letzten Einnahme; Interferenz durch murine monoklonale Antikörper; Methode ECLIA) und Serumscreening auf fetale Neuralrohrdefekte (Untersuchung in der 15. bis 18. Schwangerschaftswoche, SSW 14+0 bis 17+6; Grenzwert in der Regel 2,5 MoM, bei Zwillingen 4 MoM; Entdeckungsrate rund 90 % für Anenzephalie, 80 % für Spina bifida, rund 50 % für Bauchwanddefekte). Alpha1-Fetoprotein · Neuralrohrdefekte ↩ ↩2 ↩3 ↩4 ↩5 ↩6 ↩7 ↩8 ↩9
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Ferraro S, Panzeri A, Braga F, Panteghini M. Serum α-fetoprotein in pediatric oncology: not a children's tale. Clin Chem Lab Med, 2019. PubMed · DOI ↩ ↩2 ↩3
-
Tzartzeva K, Obi J, Rich NE, et al. Surveillance Imaging and Alpha Fetoprotein for Early Detection of Hepatocellular Carcinoma in Patients With Cirrhosis: A Meta-analysis. Gastroenterology, 2018. PubMed · DOI ↩
-
Zentrum für Krebsregisterdaten am Robert Koch-Institut — Hodenkrebs (3 910 Neuerkrankungen in Deutschland im Jahr 2023, mittleres Erkrankungsalter 39 Jahre, altersstandardisierte Erkrankungsrate 9,7 je 100 000). krebsdaten.de ↩
-
Krege S, Oing C, Bokemeyer C. Testicular Tumors. Dtsch Arztebl Int, 2023. PubMed · DOI ↩
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Marsh TL, Parikh ND, Roberts LR, et al. A Phase 3 Biomarker Validation of GALAD for the Detection of Hepatocellular Carcinoma in Cirrhosis. Gastroenterology, 2025. PubMed · DOI ↩
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Best J, Bechmann LP, Sowa JP, et al. GALAD Score Detects Early Hepatocellular Carcinoma in an International Cohort of Patients With Nonalcoholic Steatohepatitis. Clin Gastroenterol Hepatol, 2020. PubMed · DOI ↩
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Pedrazzoli P, Rosti G, Soresini E, et al. Serum tumour markers in germ cell tumours: From diagnosis to cure. Crit Rev Oncol Hematol, 2021. PubMed · DOI ↩