Chlorid im Blut: Normalwerte, zu hoch, zu niedrig
Chlorid im Blut liegt meist bei etwa 98–107 mmol/l. Warum der Wert fast nie allein gelesen wird und was hinter Hyperchlorämie und Hypochlorämie steckt.
Chlorid (Cl⁻) ist das häufigste negativ geladene Teilchen im Blut – und zugleich der Laborwert, über den am wenigsten gesprochen wird. Das hat einen guten Grund: Chlorid sagt für sich genommen fast nichts aus. Sein Wert folgt in aller Regel dem Natrium, und seinen eigentlichen Nutzen entfaltet er erst in einer Rechnung – der Anionenlücke, mit der sich unterscheiden lässt, welche Art von Übersäuerung (Azidose) vorliegt. Dieser Ratgeber erklärt die Normalwerte in mmol/l, was ein zu hoher oder zu niedriger Chloridwert bedeutet, warum er praktisch nie isoliert beurteilt wird – und weshalb der Schweißtest bei Mukoviszidose etwas völlig anderes misst als Ihr Blutbefund. Chlorid gehört zu den Elektrolyten.
Das Wichtigste in Kürze
- Chlorid ist das wichtigste Anion des Raumes außerhalb der Zellen. Es reguliert gemeinsam mit Natrium den Wasserhaushalt, den Blutdruck und den Säure-Basen-Haushalt und ist Baustein der Magensäure.1
- Richtwert für Erwachsene: etwa 98–107 mmol/l – die Grenzen unterscheiden sich von Labor zu Labor deutlich, von 95–105 bis 99–109 mmol/l.234
- ⚠️ Chlorid wird nie allein gelesen. Der Wert wird zusammen mit Natrium und Bikarbonat beurteilt; erst die daraus berechnete Anionenlücke trennt die verschiedenen Formen der Azidose.5
- Chlorid zu hoch (Hyperchlorämie): Flüssigkeitsmangel, starke Durchfälle, renal-tubuläre Azidose – und im Krankenhaus große Mengen isotoner Kochsalzlösung, deren Chloridgehalt mit 154 mmol/l weit über dem des Blutes (103 ± 3 mmol/l) liegt.6
- Chlorid zu niedrig (Hypochlorämie): vor allem anhaltendes Erbrechen und Diuretika – beides führt zu einer metabolischen Alkalose.74
- ⚠️ Chlorid im Schweiß ist nicht Chlorid im Blut. Der Schweißtest zur Abklärung einer Mukoviszidose ist eine eigene Untersuchung mit eigenen Grenzwerten.8
- Chlorid ist kein Tumormarker. Der Wert beschreibt Wasserhaushalt und Säure-Basen-Lage, nichts anderes.
Was ist Chlorid im Blut?
Im Flüssigkeitsraum außerhalb der Zellen dominieren zwei Teilchen: Natrium als positiv geladenes Ion und Chlorid als negativ geladenes Gegenstück. Sie wandern gemeinsam, weil sich elektrische Ladungen ausgleichen müssen. Genau deshalb bewegt sich der Chloridwert fast immer in dieselbe Richtung wie der Natriumwert. Zusammen bestimmen beide, wie viel Wasser der Körper zurückhält – und damit das Blutvolumen und mittelbar den Blutdruck.1
Chlorid hat aber noch eine zweite Aufgabe: Es teilt sich den „negativen Platz“ im Blut mit dem Bikarbonat, dem wichtigsten Puffer gegen Übersäuerung. Die beiden verhalten sich wie eine Waage – verliert der Körper Bikarbonat, rückt Chlorid nach, und das Blut wird saurer. Steigt das Bikarbonat, sinkt das Chlorid, und das Blut wird basischer. Aus diesem Grund taucht Chlorid im Befund fast immer zusammen mit Bikarbonat, Natrium und Kalium auf.
Chlorid ist nicht Chlor. Der Blutwert hat nichts mit dem Desinfektionsmittel im Schwimmbad zu tun und auch nichts mit Chlorid im Trink- oder Mineralwasser. Gemeint ist das Ion Chlorid, das der Körper fast ausschließlich als Kochsalz (Natriumchlorid) mit der Nahrung aufnimmt – über Brot, Käse, Wurst und verarbeitete Lebensmittel.1
Warum wird Chlorid bestimmt?
Chlorid steht auf fast jeder Elektrolytanforderung, wird aber selten wegen Chlorid bestimmt. Ärztinnen und Ärzte nutzen den Wert vor allem, um:
- die Beurteilung von Natrium und Flüssigkeitshaushalt zu vervollständigen – etwa bei Verdacht auf Austrocknung, bei Herz-, Leber- oder Nierenerkrankungen (siehe Nierenwerte);
- eine Störung des Säure-Basen-Haushalts einzuordnen, gemeinsam mit dem Bikarbonat aus der Blutgasanalyse;
- Risikosituationen zu überwachen: starkes Erbrechen oder Durchfall, entwässernde Medikamente, längere Infusionstherapie;
- die Anionenlücke zu berechnen – der eigentliche Grund, warum Chlorid überhaupt gemessen wird.
Die Anionenlücke (Anionengap) – hier liegt der Nutzen
Die Anionenlücke ist eine einfache Rechnung: Man zieht vom Natrium die Summe aus Chlorid und Bikarbonat ab. Der Rest steht für Säuren, die das Labor nicht direkt misst.
Praktisch bedeutet das: Ist das Blut übersäuert und die Anionenlücke normal, hat der Körper Bikarbonat verloren und Chlorid ist nachgerückt – das ist die hyperchlorämische Azidose, typisch für schwere Durchfälle, eine renal-tubuläre Azidose oder große Infusionsmengen. Ist die Anionenlücke dagegen erhöht, hat sich eine zusätzliche Säure angesammelt, etwa Laktat oder Ketonkörper bei entgleistem Blutzucker. Ohne den Chloridwert lässt sich diese Unterscheidung nicht treffen – und sie verändert die weitere Abklärung grundlegend.5 Die genauen Grenzen der Anionenlücke hängen von Messverfahren und Labor ab; sie werden zusammen mit dem übrigen Befund interpretiert und nicht als Einzelzahl gelesen.
Muss man für die Blutabnahme nüchtern sein?
Für die Bestimmung von Chlorid und den übrigen Elektrolyten ist Nüchternsein in der Regel nicht erforderlich. Werden auf derselben Abnahme jedoch weitere Werte mitbestimmt – etwa der Blutzucker oder ein Lipidprofil –, kann eine Nüchternphase vorgeschrieben sein. Halten Sie sich an die Anweisung auf Ihrer Überweisung. Sinnvoll ist es dagegen, gut hydriert zur Blutabnahme zu erscheinen, denn Flüssigkeitsmangel verschiebt Natrium und Chlorid gemeinsam nach oben.
Normalwerte für Chlorid
| Befund | Richtwert | Einheit |
|---|---|---|
| Chlorid normal (Erwachsene) | 98 – 107 | mmol/l |
| Hypochlorämie (zu niedrig) | unter ca. 98 | mmol/l |
| Hyperchlorämie (zu hoch) | über ca. 107 | mmol/l |
Achtung, die Laborgrenzen schwanken hier ungewöhnlich stark. Ein deutsches Labor gibt für Erwachsene 98–107 mmol/l an,2 ein anderes 99–109 mmol/l,3 das IQWiG nennt 95–105 mmol/l.4 Ein Wert von 108 kann also in einem Labor „leicht erhöht“ und in einem anderen völlig normal sein. Maßgeblich ist ausschließlich der Referenzbereich, der auf Ihrem eigenen Befund steht. Kinder haben je nach Alter etwas andere Bereiche.3
Ergebnisse verstehen
Der erste Reflex lautet: nicht auf die Chloridzahl allein schauen. Verändern sich Chlorid und Natrium gleichsinnig, geht es meist um Wasser – zu wenig oder zu viel. Verändert sich Chlorid gegenläufig zum Bikarbonat, geht es um den Säure-Basen-Haushalt.7
Chlorid zu hoch (Hyperchlorämie)
Ein erhöhter Chloridwert (etwa über 107 mmol/l) begleitet typischerweise:
- Flüssigkeitsmangel: Fehlt Wasser, steigen Natrium und Chlorid gemeinsam an. Das ist die häufigste und harmloseste Konstellation.
- Eine hyperchlorämische Azidose: Der Körper verliert Bikarbonat, Chlorid rückt nach. Klassische Auslöser sind profuse Durchfälle (Bikarbonatverlust über den Darm) und die renal-tubuläre Azidose, eine Störung der Nierenkanälchen.5
- Infusionen mit isotoner Kochsalzlösung im Krankenhaus. Die deutsche S2k-Leitlinie zur intravenösen Infusionstherapie bei Kindern beschreibt das präzise: NaCl 0,9 % enthält 154 mmol/l Chlorid, deutlich mehr als die normale extrazelluläre Flüssigkeit mit 103 ± 3 mmol/l. Der geläufige Name „physiologische Kochsalzlösung“ bezieht sich nur auf die Osmolalität, nicht auf die Elektrolytzusammensetzung. Größere Mengen lassen das Serumchlorid steigen und den pH-Wert leicht fallen.6
Wann ist das beunruhigend? Nicht die Zahl entscheidet, sondern der Zusammenhang: Ist auch das Natrium erhöht (Austrocknung)? Ist das Bikarbonat erniedrigt (Azidose)? Wie sieht die Anionenlücke aus? Eine leichte, isolierte Erhöhung ohne Beschwerden ist meist Ausdruck von Flüssigkeitsmangel und korrigiert sich durch Trinken. Eine ausgeprägte Azidose gehört dagegen ärztlich abgeklärt. Auf Intensivstationen wird ein hoher Chloridwert aufmerksam verfolgt: Die deutsche Leitlinie nennt eine Hyperchlorämie über 110 mmol/l als bei kritisch kranken Kindern mit erhöhter Sterblichkeit assoziierten Befund und empfiehlt deshalb balancierte Vollelektrolytlösungen zur Grundinfusion.6
Bedeutet ein hoher Chloridwert Krebs? Nein. Chlorid ist kein Tumormarker und hat mit einer Krebsdiagnostik nichts zu tun.
Chlorid zu niedrig (Hypochlorämie)
Ein niedriger Chloridwert (etwa unter 98 mmol/l) bedeutet meist Chloridverlust oder Wasserüberschuss:
- Anhaltendes Erbrechen: Mit dem Magensaft geht Salzsäure verloren – also Chlorid und Säure zugleich. Das Ergebnis ist eine metabolische Alkalose, bei der das Blut zu basisch wird. Chlorid ist hier nicht nur Begleiterscheinung, sondern der Stoff, dessen Mangel die Alkalose aufrechterhält.7
- Entwässernde Medikamente (Diuretika): die häufigste Ursache im Alltag; sie erzeugen ebenfalls eine chloridarme Alkalose.74
- Wasserüberschuss im Verhältnis zum Salz: Chlorid sinkt dann gemeinsam mit dem Natrium.
- Erkrankungen von Herz, Leber oder Nieren (siehe Leberwerte und Kreatinin).
Ein niedriger Chloridwert für sich macht kaum Beschwerden – spürbar ist meist die Ursache (Erbrechen, Flüssigkeitsmangel) oder die begleitende Alkalose. Behandelt wird immer die Ursache, nie die Zahl, und immer ärztlich begleitet. Bitte setzen Sie insbesondere ein Diuretikum niemals eigenmächtig ab.
Das Trio Chlorid – Natrium – Bikarbonat
Chlorid ergibt nur im Verbund einen Sinn:
- mit Natrium: gleichsinnige Veränderung spricht für ein Wasserproblem – Austrocknung oder Überwässerung. Ergänzend wird gelegentlich die Osmolalität bestimmt.
- mit Bikarbonat: Chlorid hoch + Bikarbonat niedrig spricht für eine hyperchlorämische Azidose; Chlorid niedrig + Bikarbonat hoch für eine Alkalose, wie sie nach Erbrechen entsteht.7
- mit Kalium: Erbrechen und Diuretika senken meist beides gleichzeitig.
⚠️ Schweißtest bei Mukoviszidose: ein anderer Test
Diese Verwechslung verunsichert vor allem Eltern. Beim Schweißtest (Pilokarpin-Iontophorese) wird ebenfalls Chlorid gemessen – aber im Schweiß, nicht im Blut, mit einem völlig eigenen Verfahren und eigenen Grenzwerten. Die deutsche S2k-Leitlinie „Diagnose der Mukoviszidose“ bewertet das Schweißchlorid so: ≤ 29 mmol/l unauffällig, Mukoviszidose unwahrscheinlich; 30–59 mmol/l Kontrollbereich mit weiterer Abklärung; ≥ 60 mmol/l vereinbar mit der Diagnose. Zur Diagnosesicherung ist ausschließlich die Chloridmessung zulässig – die alleinige Bestimmung von Natrium oder der Osmolarität gilt als obsolet.8
Entscheidend für Sie: Ein Chloridwert im Blutbefund sagt nichts über eine Mukoviszidose aus – und umgekehrt. Ein erhöhter Blutchloridwert ist kein Hinweis auf eine Mukoviszidose, ein normaler Blutchloridwert schließt sie nicht aus. In Deutschland wird auf Mukoviszidose zudem regulär im Neugeborenenscreening getestet, und ein auffälliger Schweißtest zieht eine genetische Diagnostik nach sich.8
Einflussfaktoren
Auf den Chloridwert wirken: der Flüssigkeitshaushalt, die Kochsalzzufuhr über die Ernährung (die DGE nennt als Schätzwert für eine angemessene Zufuhr 2 300 mg Chlorid pro Tag für Erwachsene – über normale Kost praktisch immer erreicht),1 Erbrechen und Durchfall, Medikamente (allen voran Diuretika), die Nierenfunktion und die Säure-Basen-Lage. Im Krankenhaus kommt die Art der Infusionslösung hinzu: chloridreiche gegenüber balancierten Lösungen.6 Nennen Sie Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt deshalb immer Ihre Medikamente und größere Flüssigkeitsverluste. Weitere Werte wie Gesamteiweiß und Albumin beeinflussen die Berechnung der Anionenlücke.
Aktuelle Forschung
- Beide Extreme zählen. Eine systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse von 34 Studien und 175 021 intensivmedizinisch behandelten Erwachsenen (2025) fand eine Hyperchlorämie bei 34 % und eine Hypochlorämie bei 14 % der Patientinnen und Patienten. Beide Abweichungen waren mit erhöhter Sterblichkeit verbunden, die Hyperchlorämie zusätzlich mit einem höheren Risiko für ein akutes Nierenversagen. Es handelt sich um Zusammenhänge, nicht um einen bewiesenen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang.9
- Kochsalzlösung oder balancierte Lösung? Die große US-Studie SMART zeigte einen leichten Vorteil balancierter Lösungen bei einem kombinierten Nieren- und Sterblichkeitsendpunkt.10 Die australisch-neuseeländische PLUS-Studie fand dagegen keinen Unterschied bei der Sterblichkeit – das Deutsche Ärzteblatt berichtete darüber unter dem Titel, dass Intensivpatienten nicht von balancierter Vollelektrolytlösung profitieren.1112 Die deutsche Kinder-Leitlinie empfiehlt gleichwohl balancierte Lösungen zur Grundinfusion, um eine hyperchlorämische Azidose zu vermeiden.6
- Kinder mit Durchfall. Ein Cochrane-Review verglich balancierte Lösungen mit Kochsalzlösung bei akutem Durchfall und schwerer Austrocknung: leichte Vorteile beim pH-Wert und der Krankenhausverweildauer, aber kein belastbarer Effekt auf die Sterblichkeit.13
- Chlorid bei Herzschwäche. Lange stand Chlorid im Schatten des Natriums. Eine Übersichtsarbeit von 2025 beschreibt einen Perspektivwechsel: Chlorid rückt bei der Herzinsuffizienz und der Steuerung der entwässernden Therapie zunehmend in den Mittelpunkt.14
Diese Ergebnisse stammen überwiegend aus dem Krankenhaus- und Forschungsumfeld. Sie rechtfertigen keine Selbstbehandlung und ersetzen kein ärztliches Gespräch.
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Ein Chloridwert allein ist so gut wie aussagelos. Aussagekräftig wird er erst zusammen mit Ihrem Natrium, Ihrem Bikarbonat, der Anionenlücke, Ihrem Flüssigkeitshaushalt und Ihren Medikamenten – siehe auch die Elektrolyte und das große Blutbild.
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Häufige Fragen
Welcher Chloridwert im Blut ist normal? Als Richtwert für Erwachsene gelten etwa 98–107 mmol/l.2 Die Laborgrenzen weichen hier aber ungewöhnlich stark voneinander ab – von 95–105 bis 99–109 mmol/l.43 Verlassen Sie sich auf den Bereich, der auf Ihrem eigenen Befund abgedruckt ist.
Was bedeutet ein zu hoher Chloridwert? Meist Flüssigkeitsmangel (Chlorid steigt mit dem Natrium) oder eine hyperchlorämische Azidose durch Durchfall, renal-tubuläre Azidose oder große Mengen Kochsalzlösung.56 Beurteilt wird der Wert immer zusammen mit Natrium und Bikarbonat.
Ist zu viel Chlorid im Blut gefährlich? Eine leichte, isolierte Erhöhung ohne Beschwerden ist in aller Regel harmlos und meist Ausdruck von Flüssigkeitsmangel. Entscheidend sind die Ursache und die Begleitwerte. In der Intensivmedizin ist eine ausgeprägte Hyperchlorämie mit ungünstigeren Verläufen verbunden – ein Grund für die Wahl der Infusionslösung, keine Aussage über einen leicht erhöhten Wert im Hausarztlabor.96
Was bedeutet ein Chloridwert von 108? Das liegt knapp über der oberen Grenze vieler Labore – in anderen deutschen Laboren mit einer Obergrenze von 109 mmol/l wäre der Wert noch normal.3 Isoliert und ohne Beschwerden ist er meist unbedenklich und kann schlicht auf zu wenig Getrunkenes hinweisen. Ihre Ärztin oder Ihr Arzt ordnet ihn im Zusammenhang ein.
Was bedeutet ein Chloridmangel im Blut? Eine Hypochlorämie entsteht vor allem durch anhaltendes Erbrechen und durch Diuretika; beides führt zu einer metabolischen Alkalose.7 Auch Wasserüberschuss sowie Herz-, Leber- oder Nierenerkrankungen kommen infrage. Ein echter ernährungsbedingter Chloridmangel ist in Deutschland selten, weil Kochsalz reichlich vorhanden ist.1
Warum sind Chlorid und Natrium so oft gleichzeitig erhöht? Weil Chlorid dem Natrium folgt: Beide sind die Hauptionen des Raumes außerhalb der Zellen und bewegen sich aus Ladungsgründen zusammen. Bei Flüssigkeitsmangel steigen beide, bei Wasserüberschuss sinken beide – deshalb werden sie im Paar gelesen.
Kann man am Blutchlorid eine Mukoviszidose erkennen? Nein. Dafür ist der Schweißtest zuständig, der Chlorid im Schweiß misst – mit eigenen Grenzwerten (unauffällig ≤ 29 mmol/l, Kontrollbereich 30–59, vereinbar mit der Diagnose ab 60 mmol/l).8 Der Blutwert erlaubt dazu keine Aussage.
Was kann ich tun, wenn mein Chlorid zu hoch ist? Es gibt keine Maßnahme „gegen Chlorid“. Behandelt wird die Ursache, die Ihre Ärztin oder Ihr Arzt feststellt – zum Beispiel ausreichend trinken bei Flüssigkeitsmangel oder die Abklärung einer Azidose. Eine eigenmächtige salzarme „Chlorid-Diät“ ist nicht sinnvoll.
Hat der Chloridwert etwas mit Chlor im Schwimmbad oder im Trinkwasser zu tun? Nein. Der Laborwert beschreibt das Ion Chlorid im Blut, das über Kochsalz aus der Nahrung stammt. Chlor als Desinfektionsmittel und Chlorid im Trinkwasser sind völlig andere Themen.1
Das sollten Sie sich merken
Chlorid ist das Anion, das dem Natrium folgt und sich mit dem Bikarbonat die Waage hält. Merken Sie sich die Größenordnung (etwa 98–107 mmol/l, mit auffallend großen Unterschieden zwischen den Laboren), dass ein hoher Wert vor allem für Flüssigkeitsmangel oder eine hyperchlorämische Azidose spricht und ein niedriger Wert vor allem für Erbrechen und Diuretika. Vor allem aber: Chlorid ist ein Rechenwert. Sein Nutzen liegt in der Anionenlücke – und damit immer im Zusammenspiel mit Natrium und Bikarbonat. Eine einzelne leicht abweichende Zahl ist selten ein Grund zur Sorge. Kein Laborwert steht für sich: Es zählt das Gesamtbild aus Ihren Werten und Ihrer Situation – genau dabei hilft AI DiagMe, ergänzend zu Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
Quellen
Deutsche Leitlinien, Institutionen und Laboratorien sowie wissenschaftliche Veröffentlichungen (PubMed), die für diesen Ratgeber ausgewertet wurden.
Footnotes
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Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE) – Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr: Chlorid: Beteiligung an der Regulation von Blutdruck, Wasser-, Elektrolyt- und Säure-Basen-Haushalt sowie Bestandteil der Magensalzsäure, Aufnahme fast ausschließlich als Natriumchlorid über Brot, Käse, Wurst- und Konservenwaren, Schätzwert für eine angemessene Zufuhr 2 300 mg/Tag ab 19 Jahren einschließlich Schwangerer und Stillender, Mangel selten und dann meist durch Erbrechen, Nierenerkrankungen oder Diuretika. dge.de ↩ ↩2 ↩3 ↩4 ↩5 ↩6
-
MVZ-Labormedizin Krefeld – Chlorid (Cl⁻), Serum/Urin: Referenzbereich Erwachsene 98–107 mmol/l, Material Serum, Plasma (Li-Heparin), Sammel- und Spontanurin, Methode indirekte Potentiometrie mittels ionenselektiver Elektrode, Chlorid als wichtigstes extrazelluläres Anion (rund zwei Drittel aller Anionen). labormedizin-krefeld.de ↩ ↩2 ↩3
-
Labor Dr. Fenner & Kollegen MVZ, Hamburg – Chlorid im Serum: Referenzbereiche Erwachsene 99–109 mmol/l, 1.–7. Lebenstag 96–111 mmol/l, 8.–30. Lebenstag 96–110 mmol/l, 1–6 Monate 96–110 mmol/l, 7–12 Monate 96–108 mmol/l, 1–17 Jahre 96–109 mmol/l, Methode ISE (verdünnt, potentiometrisch), Indikation Störungen des Säure-Basen-Haushaltes sowie der Natrium- und Wasserbilanz. fennerlabor.de ↩ ↩2 ↩3 ↩4 ↩5
-
Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) – Chlorid, gesundheitsinformation.de: Chlorid als lebenswichtiger Mineralstoff, Referenzbereich 95–105 mmol/l für Erwachsene über 18 Jahre (bei Kindern etwas höher), Aussagekraft für den Säure-Basen-Haushalt, erniedrigte Werte durch Erbrechen, starkes Schwitzen und Diuretika mit der Folge einer Alkalose, erhöhte Werte mit der Folge einer Azidose. gesundheitsinformation.de ↩ ↩2 ↩3 ↩4 ↩5
-
Bhandari R, Ekladious A, Javaid MM. Demystifying normal-anion-gap metabolic acidosis: pathophysiology, aetiology, evaluation and diagnosis. Intern Med J, 2024;54(7):1056-1065. PubMed · DOI ↩ ↩2 ↩3 ↩4
-
DIVI, DGAI, DGPK, DGKJ, GNPI, DGKCH, AKIK / AWMF – S2k-Leitlinie Intravenöse Infusionstherapie bei akut kranken Kindern jenseits der Neugeborenenperiode, AWMF-Register-Nr. 040-016, Version 11/2022, Kapitel 4.3 „Chloridbedarf bei akut erkrankten Kindern“: Chloridgehalt von NaCl 0,9 % 154 mmol/l gegenüber 103 ± 3 mmol/l in der normalen extrazellulären Flüssigkeit, „physiologisch“ bezieht sich nur auf die Osmolalität, hyperchlorämische Azidose über die Abnahme der strong ion difference, Abnahme von glomerulärer Perfusion und Diurese bei steigendem Serumchlorid, Hyperchlorämie > 110 mmol/l bei kritisch kranken Kindern mit erhöhter Sterblichkeit assoziiert, konsentierte Empfehlung 5 zugunsten balancierter isotoner Vollelektrolytlösungen. register.awmf.org ↩ ↩2 ↩3 ↩4 ↩5 ↩6 ↩7
-
Emmett M. Metabolic Alkalosis: A Brief Pathophysiologic Review. Clin J Am Soc Nephrol, 2020;15(12):1848-1856. PubMed · DOI ↩ ↩2 ↩3 ↩4 ↩5 ↩6
-
Gesellschaft für Pädiatrische Pneumologie (GPP) u. a. / AWMF – S2k-Leitlinie „Diagnose der Mukoviszidose“, AWMF-Register-Nr. 026-023, Version vom 14.7.2023 (publiziert 11/2023), federführend L. Naehrlich: Durchführung des Schweißtests als Pilokarpin-Iontophorese nach CLSI, Bewertung des Schweißchlorids (≤ 29 mmol/l unauffällig, 30–59 mmol/l Kontrollbereich, ≥ 60 mmol/l vereinbar mit der Diagnose), Schweißtest ab dem 3., optimal ab dem 10. Lebenstag, Leitfähigkeitsmessung nur zum Screening, „Zur Diagnosesicherung der Mukoviszidose ist nur die Chloridmessung zulässig. Die alleinige Bestimmung von Natrium und/oder der Osmolarität sind obsolet.“, genetische Diagnostik ab Schweißchlorid ≥ 30 mmol/l, Neugeborenenscreening mit IRT/PAP. register.awmf.org ↩ ↩2 ↩3 ↩4
-
Wan X, Deng F, Bai X, et al. Dysregulated serum chloride and clinical outcomes in critically ill adults: A systematic review and meta-analysis. PLoS One, 2025;20(12):e0337560. PubMed · DOI ↩ ↩2
-
Semler MW, Self WH, Wanderer JP, et al. Balanced Crystalloids versus Saline in Critically Ill Adults (SMART). N Engl J Med, 2018;378(9):829-839. PubMed · DOI ↩
-
Deutsches Ärzteblatt – Intensivpatienten profitieren nicht von balancierter Vollelektrolytlösung, Nachricht vom 21. Januar 2022: Bericht über die im New England Journal of Medicine publizierte randomisierte Studie; das Sterberisiko wurde durch die balancierte Vollelektrolytlösung gegenüber 0,9-prozentiger Kochsalzlösung nicht gesenkt. aerzteblatt.de ↩
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Finfer S, Micallef S, Hammond N, et al. Balanced Multielectrolyte Solution versus Saline in Critically Ill Adults (PLUS). N Engl J Med, 2022;386(9):815-826. PubMed · DOI ↩
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Florez ID, Sierra J, Pérez-Gaxiola G. Balanced crystalloid solutions versus 0.9% saline for treating acute diarrhoea and severe dehydration in children. Cochrane Database Syst Rev, 2023;5(5):CD013640. PubMed · DOI ↩
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Mazón-Ruiz J, Banegas-Deras EJ, Fernández-Rodríguez JM, et al. The chloride paradigm shift in heart failure: From neglected ion to keystone of precision diuretic therapy. Eur J Heart Fail, 2025;27(12):3084-3095. PubMed · DOI ↩