Hormonstatus: welcher Wert an welchem Zyklustag?
FSH, LH und Östradiol gehören an Zyklustag 3–7, Progesteron rund 7 Tage nach dem Eisprung. Welche Hormone wann sinnvoll sind – und wer sie bezahlt.
Hormonstatus ist kein festes Laborpaket, sondern eine Auswahl: Welche Hormone bestimmt werden, hängt von der Frage ab – Zyklusstörung, unerfüllter Kinderwunsch, Verdacht auf ein PCO-Syndrom, Wechseljahre oder, beim Mann, ein möglicher Testosteronmangel. Entscheidend ist dabei etwas, das in Werbeanzeigen für „Hormon-Checks" fast nie steht: Der Tag der Blutentnahme verändert das Ergebnis stärker als fast alles andere. Ein Östradiol- oder Progesteronwert ohne Angabe des Zyklustags ist nicht schwer zu deuten – er ist gar nicht deutbar. Dieser Ratgeber zeigt, welches Hormon wann abgenommen wird, welche Normalwerte deutsche Labore angeben und wer die Kosten trägt.
Auf einen Blick
- Ein Hormonstatus ist keine feste Liste. Die deutsche Leitlinie zur Diagnostik vor einer Kinderwunschbehandlung nennt als hormonelle Basisdiagnostik LH, FSH, Prolaktin, Testosteron, DHEAS, SHBG, freien Androgenindex, Östradiol und AMH – ergänzt um eine Schilddrüsendiagnostik.1
- Der Zyklustag ist Teil des Befunds. Diese Basisdiagnostik gehört an Tag 3–7 des Zyklus; Progesteron dagegen rund 7 Tage nach dem vermuteten Eisprung, also etwa um Tag 21 eines 28-Tage-Zyklus.1
- Wechseljahre werden klinisch diagnostiziert. Bei Frauen über 45 sollen Peri- und Postmenopause „aufgrund klinischer Parameter" festgestellt werden; eine FSH-Bestimmung ist laut S3-Leitlinie nur zwischen 40 und 45 Jahren mit Beschwerden oder unter 40 Jahren bei Verdacht auf vorzeitige Ovarialinsuffizienz vorgesehen.2
- Speicheltests sind nicht standardisiert. Die Leitliniengruppe hält fest: Für keinen Speicheltest gibt es eine verbindliche Standardisierung, näher evaluiert ist nur der Speichel-Cortisol-Test; die übrigen sind „nur für die Laienbenutzung zugelassen und explizit nicht für medizinisch-diagnostische Zwecke".3
- Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie rät von Hormon-Selbsttests für zu Hause ab, weil die Ergebnisse nicht valide sind und Betroffene mit ihnen allein bleiben.4
- Bezahlt wird nach Indikation, nicht nach Wunsch. Besteht ein begründeter Verdacht, ist die Bestimmung Kassenleistung; ohne Beschwerden ist sie Selbstzahlerleistung (IGeL). Zum Check-up 35 gehört aus dem Blut nur ein Lipidprofil und die Nüchternglukose – kein einziges Sexualhormon.5
- Ein einzelner Wert bildet keinen Rhythmus ab: Die prognostische Gültigkeit einer Hormonbestimmung in der Perimenopause beträgt laut Leitlinienentwurf nur 2–4 Wochen.3
Was gehört zu einem Hormonstatus?
Hormone sind Botenstoffe: gebildet in Drüsen – Eierstöcken, Hoden, Hirnanhangsdrüse, Nebennieren, Schilddrüse –, wirksam über das Blut an anderer Stelle im Körper. Welche davon gemessen werden, entscheidet die Fragestellung:
- FSH und LH – die Gonadotropine aus der Hirnanhangsdrüse. Sie steuern Eierstock und Hoden und zeigen, auf welcher Ebene eine Störung liegt.
- Östradiol – das wichtigste Östrogen, Spiegelbild der Follikelreifung.
- Progesteron – das Gelbkörperhormon. Es steigt erst nach dem Eisprung an und ist deshalb der einzige Laborwert, der einen stattgefundenen Eisprung belegen kann.
- Prolaktin – erhöht bei Zyklusstörungen, Milchfluss außerhalb der Stillzeit oder Libidoverlust.
- Testosteron und DHEA-S – die Androgene. Bei Frauen im Rahmen einer Hyperandrogenämie, bei Männern zur Frage Testosteronmangel.
- Cortisol – das Stresshormon der Nebennierenrinde, mit ausgeprägtem Tagesrhythmus.
- Beta-hCG – das Schwangerschaftshormon. Vor jeder Abklärung ausbleibender Blutungen steht der Schwangerschaftsausschluss.
- TSH und die übrigen Schilddrüsenwerte – formal keine Sexualhormone, aber so eng mit dem Zyklus verknüpft, dass die Leitlinie sie ausdrücklich zur Basisdiagnostik zählt.1
Dazu kommen SHBG, der daraus berechnete freie Androgenindex und das Anti-Müller-Hormon (AMH). Keiner dieser Werte wird für sich gelesen: Erst die Kombination, eingeordnet in Alter, Geschlecht und Zyklusphase, ergibt eine Aussage.
Der Zyklustag entscheidet – der wichtigste Punkt dieser Seite
Bei Frauen im gebärfähigen Alter schwanken die Sexualhormone innerhalb eines Zyklus nicht um ein paar Prozent, sondern um ein Vielfaches. Östradiol liegt in der frühen Follikelphase bei etwa 30–90 ng/l und erreicht um den Eisprung bis 533 ng/l – der obere Ovulationswert ist also rund 17-mal so hoch wie der untere Wert der Follikelphase.6 Progesteron verhält sich noch extremer: Es ist in der ersten Zyklushälfte kaum messbar und steigt in der Lutealphase auf ein Vielfaches an.6
Derselbe Wert kann also völlig normal oder deutlich auffällig sein – je nachdem, an welchem Tag er entnommen wurde. Wer ohne Zyklusangabe misst, produziert keine Diagnose, sondern eine Zufallszahl.
Die deutsche S2k-Leitlinie zur Diagnostik vor einer assistierten reproduktionsmedizinischen Behandlung legt das Vorgehen präzise fest: Die hormonelle Basisdiagnostik soll an Tag 3–7 des Zyklus erfolgen (im Fließtext der Leitlinie auch enger als 3.–5. Zyklustag beschrieben), der Nachweis eines Eisprungs dagegen durch eine einmalige Progesteronbestimmung rund 7 Tage nach dem vermuteten Eisprung.1
| Was gemessen wird | Wann abgenommen wird | Was die Messung beantwortet |
|---|---|---|
| FSH, LH | Zyklustag 3–7 (frühfollikulär) | Auf welcher Ebene liegt die Störung – Eierstock oder Hirnanhangsdrüse? |
| Östradiol | Zyklustag 3–7 | Wie ist der Ausgangszustand der Follikelreifung? |
| Prolaktin | Zyklustag 3–7, morgens, nach kurzer Ruhephase | Steckt eine Hyperprolaktinämie hinter der Zyklusstörung? |
| Testosteron, DHEA-S, SHBG | Zyklustag 3–7, morgens | Liegt eine Hyperandrogenämie vor (Akne, Hirsutismus, Haarausfall)? |
| Progesteron | ca. 7 Tage nach dem Eisprung – im 28-Tage-Zyklus etwa Tag 21 | Hat überhaupt ein Eisprung stattgefunden? |
| AMH | zyklusunabhängig | Surrogatparameter der polyzystischen Ovarmorphologie; unter hormoneller Verhütung um ca. 23 % zu niedrig gemessen |
| TSH | zyklusunabhängig | Begleitet praktisch jede Zyklusabklärung |
| Cortisol (Serum) | morgens, 6–10 Uhr | Der Tagesrhythmus macht die Uhrzeit zur Messbedingung |
| Testosteron beim Mann | morgens, nüchtern, zwei Bestimmungen | Bestätigt oder widerlegt einen Testosteronmangel |
| Beta-hCG | zuerst | Schwangerschaft ausgeschlossen? |
Quellen der Zeitpunkte: Leitlinie 015-085,1 Leitlinie 015-062,3 Referenzbereiche des Uniklinikums Ulm,6 Arzneiverordnung in der Praxis.7
Und wenn der Zyklus unregelmäßig ist? Genau dann ist die ärztliche Steuerung wichtig. Bei fehlender Follikelreifung erlaubt die Leitlinie die Basisdiagnostik unabhängig vom Zählen, nämlich wenn kein Follikel über 10 mm Durchmesser nachweisbar ist.1 Bei ganz ausbleibender Blutung gilt: erst Schwangerschaft ausschließen, dann FSH, LH, Prolaktin und TSH.
Wann ist ein Hormonstatus sinnvoll?
Ein Hormonstatus beantwortet Fragen, er stellt sie nicht. Typische Anlässe:
- Zyklusstörungen: wiederholt Zykluslängen unter 21 oder ab 35 Tagen beziehungsweise weniger als 8 Zyklen pro Jahr – so definiert die deutsche PCOS-Leitlinie die ovulatorische Dysfunktion klinisch, bevor überhaupt Labor ins Spiel kommt.8
- Unerfüllter Kinderwunsch bei Frau und Mann.
- Verdacht auf ein PCO-Syndrom bei Zyklusstörung plus Akne, vermehrter Körperbehaarung oder Haarausfall.
- Ausbleibende Blutung (Amenorrhoe) nach Ausschluss einer Schwangerschaft.
- Verdacht auf vorzeitige Ovarialinsuffizienz (POI) bei Frauen unter 40.
- Beim Mann: Erschöpfung, Libidoverlust, Erektionsstörungen, Gynäkomastie.
- Verdacht auf eine Hyperprolaktinämie oder eine Störung der Nebennierenrinde.
Nicht auf dieser Liste steht: „einmal alles durchchecken lassen". Dafür gibt es keinen belegten Nutzen – ein auffälliger Zufallsbefund erzeugt vor allem Folgediagnostik.
Zahlt die Krankenkasse den Hormonstatus?
Die deutsche Regel ist einfacher, als sie klingt: Bezahlt wird nach Indikation. Besteht ein ärztlich begründeter Verdacht – Zyklusstörung, Amenorrhoe, PCOS, POI, unerfüllter Kinderwunsch, Testosteronmangel –, ist die Hormonbestimmung Teil der Krankenbehandlung und damit Kassenleistung. Ohne Beschwerden ist sie eine individuelle Gesundheitsleistung (IGeL), die Sie selbst zahlen.
Zwei Belege, die das greifbar machen:
Der Check-up 35 enthält keine Hormone. Die Gesundheitsuntersuchungs-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses listet in Anlage 1 unter „Labor" ausschließlich Lipidprofil, Nüchternplasmaglucose und einen Harnstreifentest.5 Kein FSH, kein Östradiol, kein Testosteron – und übrigens auch kein TSH.
Der IGeL-Monitor zeigt das Prinzip am Nachbarthema. Der vom Medizinischen Dienst Bund betriebene IGeL-Monitor hat den Hormonstatus selbst nicht bewertet – in seinem A–Z findet sich dazu (Stand August 2026) kein Eintrag. Bewertet ist aber die eng verwandte „Blutuntersuchung zur Früherkennung von Schilddrüsenfunktionsstörungen", und dort steht die Logik ausbuchstabiert: Bei Verdacht auf eine Erkrankung und zur Abklärung eines auffälligen Befundes ist die Untersuchung Kassenleistung; als Früherkennung bei Beschwerdefreien wird sie mit „tendenziell negativ" bewertet, bei Kosten zwischen 16,90 und 26,22 Euro.9
Und beim Kinderwunsch? Hier lohnt eine Unterscheidung, die oft durcheinandergeht: Die Ursachensuche ist Krankenbehandlung und wird normal übernommen. Die künstliche Befruchtung selbst fällt unter § 27a SGB V – dort übernimmt die Krankenkasse nur 50 Prozent der genehmigten Kosten, und nur unter engen Voraussetzungen (unter anderem Ehe, Altersgrenzen, maximal drei Versuche).10
Muss man für einen Hormonstatus nüchtern sein?
Für die meisten Hormone ist Nüchternheit nicht erforderlich. Zwei Dinge zählen mehr als der leere Magen: der Zyklustag und die Uhrzeit.
Eine Ausnahme gibt es beim Mann: Für die Testosteronbestimmung wird die morgendliche Blutentnahme in nüchternem Zustand empfohlen, weil der Spiegel im Tagesverlauf und nach dem Essen abfällt.7 Prolaktin reagiert empfindlich auf Stress, Anstrengung und Brustuntersuchung – deshalb wird es morgens und nach einer kurzen Ruhephase abgenommen. Halten Sie sich im Zweifel an Ihre Überweisung; steht dort ein Zyklustag, ist er verbindlich. Anders als beim Blutzucker ist Nüchternheit hier keine Bedingung.
Hormonstatus: Normalwerte-Tabelle
Die folgenden Bereiche stammen aus dem Leistungsverzeichnis der Zentralen Einrichtung Klinische Chemie des Universitätsklinikums Ulm (Roche-ECLIA-Methode).6 Sie sind ausdrücklich orientierend: Referenzbereiche hängen von Testverfahren und Gerät ab. Maßgeblich ist immer der Bereich, der auf Ihrem Befund steht.
| Hormon | Frauen | Männer |
|---|---|---|
| FSH | Follikelphase 3,5–12,5 · Ovulation 4,7–21,5 · Lutealphase 1,7–7,7 · Postmenopause 25,8–134,8 IU/l | 1,5–12,4 IU/l |
| LH | Follikelphase 2,4–12,6 · Ovulation 14,0–95,6 · Lutealphase 1,0–11,4 · Postmenopause 7,7–58,5 IU/l | 1,7–8,6 IU/l |
| Östradiol | Follikelphase 30,9–90,4 · Ovulation 60,4–533 · Lutealphase 60,4–232 · Postmenopause unter 138 ng/l | 11,3–43,2 ng/l |
| Progesteron | Follikelphase bis 0,193 · Ovulation 0,055–4,140 · Lutealphase 4,110–14,500 · Postmenopause unter 0,126 µg/l | unter 0,149 µg/l |
| Prolaktin | 4,8–23,3 µg/l | 4,0–15,2 µg/l |
| Testosteron | 18–49 J.: 0,084–0,481 · ab 50 J.: 0,029–0,408 µg/l | 18–49 J.: 2,49–8,36 · ab 50 J.: 1,93–7,40 µg/l |
| Cortisol (Serum) | 6–10 Uhr: 4,82–19,5 µg/dl · 16–20 Uhr: 2,47–11,9 µg/dl | wie Frauen |
Achtung, Einheiten. Deutsche Befunde geben Östradiol meist in ng/l an (identisch mit pg/ml), Progesteron und Testosteron in µg/l (identisch mit ng/ml), Testosteron beim Mann international oft in nmol/l – 3,5 ng/ml entsprechen etwa 12 nmol/l. Vergleichen Sie nie zwei Befunde, ohne die Einheit zu prüfen.
Ihre Werte einordnen
Hormonstatus bei der Frau
Die Deutung folgt immer der Ausgangsfrage, nie der Werteliste.
Kein Eisprung? Das ist zunächst eine klinische Feststellung: wiederholte Zykluslängen unter 21 oder ab 35 Tagen, oder weniger als 8 Zyklen im Jahr. Erst bei diesem Verdacht kann laut PCOS-Leitlinie eine Bestimmung des lutealen Progesterons ergänzt werden.8 Ein niedriges Progesteron um Tag 21 spricht gegen einen Eisprung in diesem Zyklus – in diesem Zyklus, nicht grundsätzlich.
PCO-Syndrom? Die deutsche S2k-Leitlinie von 2025 verlangt für die Diagnose mindestens zwei von drei Kriterien: klinischer und/oder biochemischer Hyperandrogenismus, ovulatorische Dysfunktion, sowie polyzystische Ovarmorphologie und/oder eine hohe AMH-Konzentration – bei Ausschluss relevanter Differenzialdiagnosen.8 Für den Laborteil sollen Gesamttestosteron, SHBG, freier Androgenindex und gegebenenfalls Androstendion und DHEA-S herangezogen werden.8 Wichtig für alle, die im Netz über AMH-Zahlen stolpern: Das AMH soll aktuell nicht als alleiniges Merkmal zur Diagnosestellung genutzt werden.8
Erhöhtes Prolaktin? Harmlose Ursachen zuerst: Stress, Schlaf, körperliche Belastung, Brustuntersuchung, zahlreiche Medikamente. Erst bei mehrfach erhöhten Spiegeln folgt Bildgebung.1
Wechseljahre? Hier ist die deutsche Antwort ungewöhnlich klar – und sie widerspricht dem, was viele Hormon-Checks suggerieren. Die S3-Leitlinie von DGGG und OEGGG formuliert mit dem höchsten Empfehlungsgrad: „Die Peri- und Postmenopause bei über 45-jährigen Frauen sollen aufgrund klinischer Parameter diagnostiziert werden." Und weiter: „Eine Bestimmung des FSH zur Diagnose der Peri- und Postmenopause soll nur bei Frauen zwischen dem 40. und 45. Lebensjahr mit klimakterischen Symptomen sowie bei Frauen unter 40 Jahren mit Hinweisen auf vorzeitige Ovarialinsuffizienz erfolgen."2 Im Regelfall – Frau über 45, typische Beschwerden – braucht es also keinen Laborwert. Die Aktualisierung von 2026 bleibt bei dieser Linie und ergänzt sie um den Fall, in dem das Blutungsmuster nicht auswertbar ist (etwa nach Gebärmutterentfernung oder unter Gestagen-Spirale): Dort können FSH und/oder AMH hilfreich sein.3
Hormonstatus beim Mann
Die zentrale Frage ist der Testosteronmangel (Hypogonadismus) – und die Antwort hängt an einer strengen Messregel. Nach der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft gilt: In der initialen Diagnostik reicht die morgendliche Bestimmung des Gesamttestosterons. Liegt der Wert über 12 nmol/l (3,5 ng/ml), ist meist keine weitere Diagnostik nötig. Darunter soll kontrolliert werden. Erst bei zweimaliger morgendlicher Bestimmung unter 8 nmol/l (2,3 ng/ml) ist die Diagnose belegt; im Graubereich zwischen 8 und 12 nmol/l wird der freie Testosteronwert mitberücksichtigt, ergänzt um LH, Prolaktin und SHBG.7
Daraus folgt: Ein einzelner niedriger Wert ist keine Diagnose – und ein nachmittags abgenommener Wert ist für diese Frage unbrauchbar. Mehr dazu unter Testosteron.
Cortisol und der Rhythmus
Cortisol ist das beste Beispiel dafür, dass ein Laborwert eine Momentaufnahme ist. Es folgt einem Tagesrhythmus: morgens hoch, abends niedrig. Am Uniklinikum Ulm liegt der orientierende Serumbereich zwischen 6 und 10 Uhr bei 4,82–19,5 µg/dl, zwischen 16 und 20 Uhr nur noch bei 2,47–11,9 µg/dl.6 Ein Wert ohne Uhrzeit ist nicht interpretierbar; Über- oder Unterfunktion der Nebennierenrinde werden ohnehin über Funktionstests abgeklärt. Details unter Cortisol.
Hormon-Checks, Speicheltests und Selbsttests
Der Markt außerhalb der Arztpraxis ist groß – Speichelsets aus der Apotheke, Online-„Hormon-Checks", Selbsttests für zu Hause. Die deutschen Fachgesellschaften äußern sich dazu ungewöhnlich deutlich.
Speicheltests. Die Leitliniengruppe zur Peri- und Postmenopause hält fest, dass es für keinen Speicheltest eine analytische und international verbindliche Standardisierung gibt. Näher evaluiert sei allein der Speichel-Cortisol-Test; alle anderen seien „bislang nur für die Laienbenutzung zugelassen und explizit nicht für medizinisch-diagnostische Zwecke". Hinzu kommt ein messtechnisches Problem: Da im Speichel nur wenige Prozent der Serumkonzentration ankommen, liegen sehr niedrige Werte wie Östradiol teils unter der Nachweisgrenze – mit der Folge, dass „überproportional oft ein Mangel festgestellt wird".3 Eine Untersuchung an aktiven Frauen über einen ganzen Zyklus fand zwar einen Zusammenhang zwischen Speichel- und Serum-Progesteron, aber keinen für Östradiol, und in der Bland-Altman-Analyse eine schlechte Übereinstimmung beider Methoden.11
Selbsttests allgemein. Die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie rät in einer Pressemitteilung ausdrücklich von Hormon-Selbsttests für zu Hause ab: Die Ergebnisse seien nicht valide, was zu unnötiger Sorge führe. Schon die Tageszeit der Probenentnahme beeinflusse die Bewertung männlicher Hormone stark; kritisiert wird zudem, dass Betroffene „oftmals mit den Ergebnissen vollkommen allein gelassen werden".4
Warum die Werbung trotzdem funktioniert. Eine Inhaltsanalyse von 27 Websites aus sieben Ländern, die AMH-Tests direkt an Verbraucherinnen verkaufen, fand auf den meisten Seiten falsche oder irreführende Aussagen: 74 % behaupteten, der Test zeige die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft an, 41 % legten nahe, man könne damit seine Familienplanung zeitlich steuern. Nur 33 % erwähnten, dass der Test die Empfängniswahrscheinlichkeit gerade nicht verlässlich vorhersagt.12 Eine Übersicht in Clinical Chemistry mit deutscher Erstautorenschaft ordnet ein: Direktverkauf von Labortests kann Zugang fördern, bringt aber ohne ärztliche Einbettung Fehlinterpretation und Verunsicherung mit sich.13
Wenn Sie einen solchen Test gekauft haben: Nehmen Sie das Ergebnis mit in die Praxis, statt daraus selbst Schlüsse zu ziehen. Von Präparaten, die aufgrund eines solchen Tests empfohlen werden, halten Sie ohne ärztliche Abklärung Abstand.
Was ein Hormonstatus nicht zeigt
- Keinen Rhythmus. Ein Cortisolwert bildet keinen Tagesverlauf ab, ein einzelner FSH-Wert keinen Zyklus. Der Leitlinienentwurf 2026 beziffert die prognostische Gültigkeit einer Hormonbestimmung in der Perimenopause auf nur 2–4 Wochen.3
- Keine Prognose. FSH ist nur an den Zyklustagen 2–7 zur Stadieneinteilung der Wechseljahre validiert und kann später im Zyklus auch perimenopausal wieder abfallen.3
- Keinen Grund für Beschwerden. Müdigkeit oder Haarausfall haben viele Ursachen – ein Eisenmangel lässt sich über Ferritin klären, eine Insulinresistenz über Insulin und HbA1c, ein Knochenproblem über den Knochenstoffwechsel.
Einflussfaktoren
Auf einen Hormonstatus wirken: der Zyklustag und die Uhrzeit der Entnahme, eine Schwangerschaft oder Stillzeit, hormonelle Verhütung und Hormontherapien (unter Kontrazeptiva wird AMH um rund 23 % zu niedrig gemessen3), Stress und intensiver Sport, starkes Unter- oder Übergewicht, zahlreiche Medikamente und das Alter. Sagen Sie in Praxis und Labor immer, welche Präparate Sie einnehmen und wo Sie im Zyklus stehen – und setzen Sie niemals eigenmächtig etwas ab, um „bessere" Werte zu bekommen. Auch Cholesterinwerte verändern sich unter hormoneller Verhütung.
Aktuelle Forschung
Aus neuen Leitlinien und auf PubMed indexierten Publikationen:
- PCOS: der deutsche Rahmen ist neu. Die S2k-Leitlinie von 2025 übernimmt die modifizierten Rotterdam-Kriterien und lässt eine hohe AMH-Konzentration als Kriterium zu – mahnt aber zugleich, AMH nicht allein zur Diagnose zu verwenden.8
- Testosterontherapie: beruhigende Sicherheitsdaten. Die randomisierte TRAVERSE-Studie mit über 5 000 hypogonadalen Männern mit kardiovaskulärem Risiko fand unter Testosteronersatz keine signifikante Zunahme schwerer kardialer Ereignisse gegenüber Placebo – bei einzelnen Signalen (Vorhofflimmern, Lungenembolie), die weiter beobachtet werden.14
- Speichel ersetzt das Serum nicht. Speichel-Östradiol und -Progesteron folgen zwar dem erwarteten Zyklusmuster, die Übereinstimmung mit den Serumkonzentrationen ist in der Bland-Altman-Analyse jedoch schlecht – für Östradiol ließ sich gar kein signifikanter Zusammenhang zeigen.11
- Direktverkauf von Labortests wächst schneller als seine Regulierung. Eine Übersicht 2025 arbeitet Nutzen und Risiken heraus und fordert klare Qualitäts- und Informationsstandards.13
Diese Ergebnisse betreffen Diagnostik und Versorgung. Sie rechtfertigen keine Selbstbehandlung und ersetzen keine ärztliche Beratung.
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Häufige Fragen
An welchem Zyklustag wird ein Hormonstatus bestimmt? Die hormonelle Basisdiagnostik – LH, FSH, Prolaktin, Testosteron, DHEA-S, SHBG, Östradiol, AMH – soll nach der deutschen Leitlinie an Tag 3–7 des Zyklus erfolgen. Progesteron dagegen gehört in die zweite Zyklushälfte, rund 7 Tage nach dem vermuteten Eisprung, im 28-Tage-Zyklus also etwa um Tag 21.1 Tag 1 ist der erste Tag der Blutung.
Was kostet ein Hormonstatus und zahlt die Kasse? Bei ärztlich begründetem Verdacht ist die Bestimmung Kassenleistung. Ohne Beschwerden ist sie Selbstzahlerleistung; zum Check-up 35 gehört sie nicht.5 Ein Pauschalpreis wäre irreführend, weil er von der Zahl der Parameter abhängt – zum Vergleich: Der IGeL-Monitor gibt allein für die Schilddrüsen-Blutuntersuchung 16,90 bis 26,22 Euro an.9
Kann man einen Hormonstatus unter der Pille machen? Möglich ja, aussagekräftig oft nicht. Hormonelle Verhütung unterdrückt die körpereigene Steuerung und verändert die Werte; AMH wird darunter um etwa 23 % zu niedrig gemessen.3 Je nach Fragestellung wird deshalb mit Abstand zur Verhütung gemessen oder das Ergebnis entsprechend gelesen. Setzen Sie die Pille dafür niemals eigenmächtig ab – sprechen Sie das ärztlich ab.
Braucht man für die Wechseljahre eine Hormonbestimmung? Bei Frauen über 45 in aller Regel nicht: Die Diagnose soll klinisch gestellt werden. FSH ist laut S3-Leitlinie nur zwischen 40 und 45 Jahren mit Beschwerden oder unter 40 Jahren bei Verdacht auf vorzeitige Ovarialinsuffizienz vorgesehen.2 Anders liegt der Fall, wenn kein auswertbares Blutungsmuster existiert.3
Taugen Hormon-Speicheltests aus der Apotheke? Für medizinische Diagnostik nicht. Für keinen Speicheltest existiert eine verbindliche Standardisierung; näher evaluiert ist nur der Speichel-Cortisol-Test, die übrigen sind ausdrücklich nur für die Laienbenutzung zugelassen. Bei Östradiol liegen die Speichelkonzentrationen teils unter der Nachweisgrenze, weshalb überproportional oft ein „Mangel" herauskommt.3
Welcher Hormonstatus bei Haarausfall? Haarausfall ist ein Symptom mit vielen Ursachen. In Frage kommen eine Hyperandrogenämie – dafür Gesamttestosteron, SHBG und freier Androgenindex8 –, eine Schilddrüsenstörung (TSH) oder ein Eisenmangel (Ferritin). Welche Werte sinnvoll sind, entscheidet der klinische Befund, nicht ein Testpaket.
Muss ich für einen Hormonstatus nüchtern sein? Meist nein. Ausnahme ist die Testosteronbestimmung beim Mann: morgens und nüchtern, weil der Spiegel im Tagesverlauf und nach dem Essen abfällt – und zur Diagnosesicherung zweimal.7
Wie oft sollte man einen Hormonstatus wiederholen? Nur, wenn eine konkrete Frage offen ist – etwa die zweite Testosteronmessung beim Mann.7 Regelmäßiges „Nachmessen" ohne Fragestellung bringt keinen belegten Nutzen.
Das Wichtigste in Kürze
Ein Hormonstatus ist eine gezielte Auswahl, keine Rundum-Messung. Sein Wert steht und fällt mit dem Zeitpunkt: FSH, LH, Östradiol, Prolaktin und die Androgene an Zyklustag 3–7, Progesteron rund 7 Tage nach dem Eisprung, Cortisol und Testosteron morgens.17 Bei Wechseljahresbeschwerden jenseits von 45 ist die Diagnose klinisch – ein FSH-Wert ist dafür nicht vorgesehen.2 Speichel- und Selbsttests ersetzen diese Diagnostik nicht.34 Und keine Zahl steht für sich: Erst im Zusammenspiel mit Alter, Zyklus, Medikamenten und Beschwerden ergibt ein Hormonstatus Sinn – genau das leistet AI DiagMe ergänzend zu Ihrer ärztlichen Betreuung.
Quellen
Offizielle deutsche Quellen und auf PubMed indexierte Publikationen:
Footnotes
-
Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) u. a. — Diagnostik und Therapie vor einer assistierten reproduktionsmedizinischen Behandlung, S2k-Leitlinie, AWMF-Register-Nr. 015-085, Version 2019-04 (Gültigkeit abgelaufen, Leitlinie in Überarbeitung). Kapitel 3.7.1 „Basisdiagnostik endokriner Faktoren", Empfehlungen 3.7.E26 und 3.7.E27, Tabelle 10. Langfassung (AWMF, PDF) · Registereintrag ↩ ↩2 ↩3 ↩4 ↩5 ↩6 ↩7 ↩8 ↩9
-
Inwald EC, Albring C, Baum E, et al. Perimenopause and Postmenopause – Diagnosis and Interventions. Guideline of the DGGG and OEGGG (S3-Level, AWMF Registry Number 015-062, September 2020). Geburtshilfe und Frauenheilkunde, 2021;81(6):612–636. Evidenzbasierte Empfehlungen 1.E1 und 1.E2. PubMed · Volltext (Thieme, PDF) ↩ ↩2 ↩3 ↩4
-
DGGG/OEGGG/SGGG — Peri- und Postmenopause: Diagnostik und Interventionen, S3-Leitlinie AWMF-Register-Nr. 015-062, Konsultationsfassung 06/2026 (Entwurf, mit Evidenzberichten des IQWiG, Projekt V24-05). Abschnitte „Diagnostik der Peri- und Postmenopause bei Frauen ohne auswertbare Blutungsmuster" und „Diagnostik mit Speicheltests". Langfassung (AWMF, PDF) · Kurzfassung (AWMF, PDF) ↩ ↩2 ↩3 ↩4 ↩5 ↩6 ↩7 ↩8 ↩9 ↩10 ↩11 ↩12
-
Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) — Bequem, aber unsicher: DGE rät von Hormon-Selbsttests für zu Hause ab, Pressemitteilung vom 30.10.2024, mit Stellungnahmen von Prof. Dr. med. W. Alexander Mann und PD Dr. med. Dr. jur. Birgit Harbeck. endokrinologie.net ↩ ↩2 ↩3
-
Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA) — Richtlinie über die Gesundheitsuntersuchungen zur Früherkennung von Krankheiten (Gesundheitsuntersuchungs-Richtlinie), Anlage 1, Abschnitt „Labor". g-ba.de (PDF) ↩ ↩2 ↩3
-
Universitätsklinikum Ulm, Zentrale Einrichtung Klinische Chemie — Leistungsverzeichnis, Referenzbereiche (Roche ECLIA, Cobas pro): FSH · LH · Östradiol · Progesteron · Prolaktin · Testosteron · Cortisol ↩ ↩2 ↩3 ↩4 ↩5
-
Diederich S. Differenzialdiagnostik und -therapie des männlichen Hypogonadismus. Arzneiverordnung in der Praxis (Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft), 2021, Heft 1. akdae.de ↩ ↩2 ↩3 ↩4 ↩5 ↩6
-
Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) u. a. — Diagnostik und Therapie des polyzystischen Ovarsyndroms (PCOS), S2k-Leitlinie, AWMF-Register-Nr. 089-004, Stand 2025. Empfehlungen 1.2.1, 1.2.7, 1.2.8, 1.2.9, 1.2.11 und 1.2.12. Kurzfassung (AWMF, PDF) · Registereintrag ↩ ↩2 ↩3 ↩4 ↩5 ↩6 ↩7
-
IGeL-Monitor (Medizinischer Dienst Bund) — Blutuntersuchung zur Früherkennung von Schilddrüsenfunktionsstörungen, Bewertung „tendenziell negativ", Angaben zu GKV-Leistung und Kosten. Ein eigener Eintrag zum Hormonstatus existierte im IGeL-A–Z zum Abrufzeitpunkt (August 2026) nicht. igel-monitor.de · IGeL A–Z ↩ ↩2
-
§ 27a SGB V — Künstliche Befruchtung, Bundesministerium der Justiz. gesetze-im-internet.de ↩
-
Goldenstein SJ, Bechke EE, Shultz SJ, et al. Salivary estradiol and progesterone across the menstrual cycle: Association and agreement with serum concentrations. Physiological Reports, 2026;14(15):e71026. PubMed ↩ ↩2
-
Johnson A, Thompson R, Nickel B, et al. Websites Selling Direct-to-Consumer Anti-Mullerian Hormone Tests. JAMA Network Open, 2023;6(8):e2330192. PubMed ↩
-
Orth M, Sandberg S, Shih P. Direct-to-Consumer Testing: Benefits and Concerns of Commercially Accessed Laboratory Tests. Clinical Chemistry, 2025;71(6):652–663. PubMed ↩ ↩2
-
Lincoff AM, Bhasin S, Flevaris P, et al. Cardiovascular Safety of Testosterone-Replacement Therapy. New England Journal of Medicine, 2023;389(2):107–117. PubMed ↩