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Bikarbonat (HCO3): Normwerte, zu niedrig, zu hoch

Bikarbonat ist der wichtigste Puffer des Blutes: Normwerte 21–26 mmol/l, zu niedrig bei Azidose, zu hoch bei Alkalose – plus die drei BGA-Zeilen erklärt.

Publié le August 12, 202612 min de lectureRédigé par l'Équipe Blood Analysis · Relu et vérifié par Julien Priour

Bikarbonat (HCO₃⁻, auf deutschen Befunden auch Bicarbonat oder Hydrogencarbonat) ist der wichtigste Puffer des Blutes: Es fängt Säuren ab und hält den pH-Wert in einem sehr engen Bereich. Anders als Natrium oder Kalium steht es in Deutschland selten auf einem gewöhnlichen Serumbefund – es stammt meist aus der Blutgasanalyse (BGA), und dort gleich in mehreren Zeilen: aktuelles Bikarbonat, Standardbikarbonat und Base Excess. Dieser Ratgeber erklärt, woher die Zahl kommt, welche Normwerte gelten, was zu niedrige und zu hohe Werte bedeuten – und warum eine falsch behandelte Blutprobe den Wert kippen lässt. Bikarbonat gehört zu den Elektrolyten und wird nie allein gelesen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Bikarbonat ist der wichtigste extrazelluläre Puffer; sein Verhältnis zum Kohlendioxid bestimmt den Blut-pH (Henderson-Hasselbalch-Gleichung).1
  • Orientierender Normwert bei Erwachsenen: 21,0 – 26,0 mmol/l, Basenabweichung −3,0 bis +3,0 mmol/l – laborabhängig.12
  • ⚠️ In der BGA wird Bikarbonat nicht gemessen, sondern berechnet – aus pH und pCO₂. Dasselbe gilt für den Base Excess.13
  • Zu niedrig = metabolische Azidose: Nierenschwäche, Ketoazidose bei Diabetes, Laktatazidose, Durchfall, Vergiftungen.45
  • Zu hoch = metabolische Alkalose: anhaltendes Erbrechen, Diuretika, Kaliumverlust.6
  • Die Ursache klärt die Anionenlücke aus Natrium, Chlorid und Bikarbonat – Normbereich 5 – 11 mmol/l.4
  • ⚠️ Präanalytik entscheidet: In einem nicht verschlossenen Röhrchen sinkt die Bikarbonatkonzentration innerhalb einer Stunde um rund 4 mmol/l.7

Was ist Bikarbonat (HCO₃⁻)?

Der Stoffwechsel produziert ununterbrochen Säure – aus der Verdauung, aus der Muskelarbeit, aus dem Zellstoffwechsel. Damit das Blut dabei nicht sauer wird, verfügt der Körper über Puffersysteme: Moleküle, die überschüssige Protonen binden. Dem Bikarbonat-Puffersystem kommt außerhalb der Zellen die größte Bedeutung zu; daneben puffern Phosphat, die Plasmaproteine (siehe Gesamteiweiß) und das Hämoglobin.1

Zwei Organe halten das System im Gleichgewicht: die Lunge, die Kohlendioxid abatmet, und die Nieren, die Protonen ausscheiden und Bikarbonat zurückgewinnen.1 Deshalb liest man Bikarbonat immer zusammen mit den Nierenwerten und der Atemsituation. Entscheidend ist die Arbeitsteilung: Die Bikarbonatkonzentration wird vorrangig durch nichtrespiratorische (metabolische) Vorgänge beeinflusst, während der pCO₂ durch die Atmung reguliert wird.1 Bikarbonat ist also die Stoffwechselseite des Säure-Basen-Haushalts.

Nebenbei löst das eine häufige Verwechslung auf: Das Natron aus der Küche ist chemisch dasselbe Anion (Natriumhydrogencarbonat). Mit dem Laborwert hat der Vorratsschrank aber nichts zu tun – dieser Ratgeber beschreibt ausschließlich das Bikarbonat im Blut.

Woher der Wert auf Ihrem Befund stammt

Das ist in Deutschland der praktisch wichtigste Punkt – und der am häufigsten missverstandene.

Die Blutgasanalyse ist eine Sammelanforderung; das Universitätsklinikum Ulm listet dafür pH, pCO₂, pO₂, Bikarbonat und Basenabweichung.1 Der pH wird potentiometrisch gemessen; Bikarbonat und Basenabweichung werden dagegen berechnet – das Bikarbonat über die Henderson-Hasselbalch-Gleichung aus pH und pCO₂, die Basenabweichung aus Bikarbonat und pH.1 Wer im Befund also eine „gemessene" HCO₃⁻-Konzentration vermutet, sucht eine Größe, die das Gerät ausgerechnet hat.

Je nach Gerät und Labor erscheinen bis zu drei Zeilen:

Zeile im BefundWas sie bedeutetOrientierender Bereich
Aktuelles Bikarbonatdie tatsächliche HCO₃⁻-Konzentration in dieser Probe – auch von der Atmung mitbeeinflusst20 – 27 mmol/l6
Standardbikarbonatderselbe Wert, rechnerisch auf Normbedingungen gebracht (37 °C, pCO₂ 40 mmHg, volle Sauerstoffsättigung); bleibt bei rein respiratorischen Störungen unverändert21 – 26 mmol/l6
Base Excess (BE) / BasenabweichungBasenüberschuss bzw. -defizit; ein Maß dafür, wie viel Base fehlt oder zu viel ist−3 bis +3 mmol/l16

Das Standardbikarbonat trennt also die Stoffwechsel- von der Atmungsursache: Hyperventiliert jemand, sinkt das aktuelle Bikarbonat mit, das Standardbikarbonat bleibt normal. Der Base Excess ist ebenfalls ein Rechenwert; er wird korrekt nur unter Einbeziehung von pH, pCO₂, Sauerstoffsättigung und Hämoglobinkonzentration ermittelt.3 Nicht jeder Befund führt alle drei Zeilen – das Leistungsverzeichnis in Ulm nennt nur aktuelles Bikarbonat und Basenabweichung.1 Es lohnt sich deshalb, auf die genaue Bezeichnung und den danebenstehenden Referenzbereich Ihres Labors zu schauen, nicht auf eine allgemeine Zahl.

Warum wird Bikarbonat bestimmt?

Angefordert wird es zur „Beurteilung des Säuren-Basen-Status und der Blutgase bei metabolischen und respiratorischen Störungen", etwa bei Kreislaufinsuffizienz und Schock, Ventilationsstörungen, Niereninsuffizienz, komatösen Zuständen, entgleistem Diabetes mellitus und Intoxikationen.1 Die Universitätsmedizin Rostock ergänzt gastrointestinale Erkrankungen wie Durchfall und Erbrechen sowie die Überwachung von Dialyse und Beatmung.8

Im ambulanten Alltag ist der häufigste Anlass die chronische Nierenkrankheit: Mit abnehmender Nierenfunktion gerät der Säure-Basen-Haushalt zunehmend aus dem Gleichgewicht, „weil die verbleibenden funktionierenden Nephrone einer steigenden Menge auszuscheidender Säure gegenüberstehen", hält die deutsche S3-Leitlinie fest – und bei metabolischer Azidose komme es „vermehrt zum Katabolismus und Muskelabbau".9 Wer Kreatinin, Harnstoff oder Cystatin C kontrollieren lässt, bekommt deshalb manchmal zusätzlich eine BGA.

Muss man nüchtern sein?

Nein. Für die Bikarbonatbestimmung ist keine Nüchternheit vorgesehen. Steht auf Ihrer Einbestellung trotzdem „nüchtern", liegt das an anderen Analysen aus derselben Entnahme – etwa Blutzucker, HbA1c oder Blutfetten. Wichtiger ist etwas anderes: Atmen Sie vor der Abnahme ruhig. Hyperventilation senkt den pCO₂ und damit rechnerisch auch das aktuelle Bikarbonat.

Normwerte von Bikarbonat

SituationOrientierender WertEinheit
Bikarbonat (HCO₃⁻), Erwachsene, arteriell21,0 – 26,0mmol/l
Basenabweichung (Base Excess)−3,0 bis +3,0mmol/l
Bikarbonat zu niedrig (metabolische Azidose)< 21 – 22mmol/l
Bikarbonat zu hoch (metabolische Alkalose)> 26mmol/l

Die Werte stammen aus dem Leistungsverzeichnis des Universitätsklinikums Ulm (Quelle: L. Thomas, Labor und Diagnose, 2023).1 Das Labor am Klinikum Ernst von Bergmann in Potsdam nennt für HCO₃⁻ denselben Bereich 21 – 26 mmol/l, für die Basenabweichung leicht abweichend −2 bis +3 mmol/l.2 Solche kleinen Unterschiede zwischen Häusern sind normal: Maßgeblich ist der Referenzbereich, der auf Ihrem Befund steht.

Venös oder arteriell – gelten andere Grenzen? Für das Bikarbonat kaum. Deutsche Übersichten geben venös wie arteriell 21 – 26 mmol/l an; deutlicher unterscheiden sich pH (arteriell 7,37–7,45, venös 7,35–7,43) und die Sauerstoffwerte.10 Eine Metaanalyse aus der Notfallmedizin beziffert die mittlere Differenz venös minus arteriell auf +1,03 mmol/l (95 %-KI 0,56–1,50) – gute Übereinstimmung im Mittel, aber weite Einzelabweichungen.11 Für die Sauerstoffbeurteilung ist venöses Blut nicht geeignet.8

Ihre Werte verstehen

Bikarbonat wird nie isoliert bewertet. Der erste Schritt ist die Anionenlücke.

Die Anionenlücke – ein Rechenschritt, der die Ursache eingrenzt

Die Universitätsmedizin Rostock gibt die Formel so an:4

Anionenlücke = [Na⁺] − ([Cl⁻] + [HCO₃⁻]) = 5 – 11 mmol/l

Kalium bleibt außen vor. Die Lücke steht für die Anionen, die routinemäßig nicht gemessen werden – vor allem negativ geladene Plasmaproteine, dazu Phosphat, Sulfat und organische Säuren wie Laktat.4 Deshalb genügt allein der Bikarbonatwert nicht: Ohne Natrium und Chlorid lässt sich eine Azidose nicht einordnen.

Bikarbonat zu niedrig: die metabolische Azidose

Ein erniedrigtes Bikarbonat spricht für eine metabolische Azidose – das Blut neigt zum Sauren, weil zu viel Säure anfällt oder zu viel Base verloren geht. Rostock unterscheidet:4

  • Vergrößerte Anionenlücke (Säuren häufen sich an) – Merkhilfe KUSMELE: Ketoazidose (diabetisch oder alkoholisch), Urämie, Salizylat-, Methanol-, Ethanol- und Ethylenglykolvergiftung sowie Laktatazidose (siehe Laktat). Bei Verdacht auf eine Vergiftung zieht die Notfallmedizin zusätzlich die Osmolalität heran.
  • Normale Anionenlücke (Bikarbonat geht verloren) – Durchfall als Prototyp, dazu die renal tubuläre Azidose und die Therapie mit Carboanhydrase-Hemmern.

Wann ist das ernst? Eine leichte, einmalige Abweichung ohne Beschwerden – etwa 20 mmol/l in einem Routinebefund – ist häufig und wird ärztlich im Zusammenhang bewertet; auch eine ungünstig gehandhabte Probe kann dahinterstecken (siehe unten). Anders sieht es aus, wenn der Wert deutlich abfällt oder ein akuter Zusammenhang besteht: entgleister Diabetes, schwerer Durchfall, starkes Erbrechen, Schwäche, tiefe und schnelle Atmung. Dann gehört der Befund umgehend in ärztliche Hände. Bei chronischer Nierenkrankheit ist eine dauerhafte Azidose ein eigenes Thema, weil sie mit Katabolismus und Muskelabbau einhergeht.9

Bikarbonat zu hoch: die metabolische Alkalose

Ein erhöhtes Bikarbonat deutet auf eine metabolische Alkalose. Die typischen Auslöser sind starkes oder chronisches Erbrechen – dabei geht Magensäure verloren – und eine Therapie mit Diuretika.6 Häufig fällt dabei gleichzeitig das Kalium ab; beides gehört zusammen gelesen. Auch hier gilt: Ein Wert knapp über der Grenze, isoliert und ohne Beschwerden, ist meist unproblematisch. Eine deutliche Erhöhung wird ärztlich abgeklärt, wobei die Ursache und die Verluste an Wasser, Chlorid und Kalium im Vordergrund stehen.

Was den Wert verfälscht: die Präanalytik

Kein anderer Routinewert reagiert so empfindlich auf die Handhabung der Probe.

Die Medizinischen Laboratorien Düsseldorf, die Bikarbonat photometrisch aus 2 ml Serum bestimmen, schreiben unmissverständlich: Vorzugsweise soll anaerob entnommenes venöses Blut eingesetzt werden, denn „in unverschlossenen Gefäßen nimmt die Bikarbonatkonzentration nach einer Stunde um ca. 4 mmol/l ab".7 Vier Millimol – das ist die halbe Breite des gesamten Referenzbereichs. Ein offen stehendes oder zu spät bearbeitetes Röhrchen kann eine Azidose vortäuschen.

Für die BGA nennt Ulm als häufigste Fehlerquelle ausdrücklich „eine nicht korrekte Präanalytik, wie die Beimengung von Luftblasen oder ein zu langsamer Probentransport in das Labor".1 Praktisch heißt das: Luftblasen sofort und ohne heftiges Schütteln entfernen, danach vorsichtig mit dem Gerinnungshemmer mischen, arterielle Proben sofort bei Raumtemperatur, venöse gekühlt ins Labor.1 Das Labor Potsdam formuliert es kurz: „Luftfrei machen und sofort verschließen. Gekühlt bei 4 °C innerhalb von 60 Minuten transportieren."2 Rostock ergänzt zwei Fallstricke: Gerinnsel verfälschen den pH, und die Probe darf nicht auf Eis gelagert werden, weil das eine Hämolyse auslösen kann.8

Das ist kein Detail für Fachleute allein: Wenn Ihr Bikarbonat einmalig aus der Reihe fällt, während alles andere stimmt, ist eine Kontrolle oft der sinnvollste nächste Schritt – und genau das wird Ihre Ärztin oder Ihr Arzt einordnen.

Einflussfaktoren

Auf den Wert wirken die Nierenfunktion, die Atmung, der Flüssigkeitshaushalt, Erbrechen und Durchfall, Medikamente (allen voran Diuretika und Carboanhydrase-Hemmer), ein entgleister Diabetes sowie schwere Kreislaufstörungen. Auch die Ernährung spielt hinein: Pflanzliche Lebensmittel führen zu einer niedrigeren endogenen Säurebelastung als tierische – ein Punkt, den die deutsche S3-Leitlinie bei fortgeschrittener Nierenkrankheit ausdrücklich aufgreift.9 Weil die Plasmaproteine den Hauptteil der Anionenlücke bilden, verschiebt außerdem ein niedriges Albumin deren Interpretation.4 Und bei Lebererkrankungen kommen eigene Säure-Basen-Störungen hinzu – ein Blick auf die Leberwerte gehört dazu.

Neuere Forschungsergebnisse

  • Bikarbonat bei chronischer Nierenkrankheit: differenzierte Bilanz. Eine Metaanalyse von 14 randomisierten Studien mit 2 037 Teilnehmenden fand unter Natriumbikarbonat eine bessere eGFR, weniger Krankenhausaufenthalte und mehr Oberarm-Muskelumfang – aber ein höheres Risiko für einen erhöhten systolischen Blutdruck.12 Die Entscheidung bleibt individuell und ärztlich.
  • Ältere Menschen: kein Nutzen nachgewiesen. Die britische BiCARB-Studie an älteren Patientinnen und Patienten mit fortgeschrittener Nierenkrankheit und leichter Azidose zeigte weder für die körperliche Funktion noch für die Nierenfunktion einen Vorteil von oralem Natriumbikarbonat, dafür mehr unerwünschte Ereignisse.13 Eine Selbstbehandlung verbietet sich schon deshalb.
  • Auf der Intensivstation: nur eine Untergruppe profitierte. Die französische BICAR-ICU-Studie an Erwachsenen mit schwerer Azidämie fand insgesamt keinen Überlebensvorteil durch intravenöses Natriumbikarbonat – wohl aber in der Untergruppe mit akuter Nierenschädigung.14
  • Base Excess neu vermessen. Eine Arbeit aus Mainz argumentiert, dass der korrekt – unter Einbeziehung von pH, pCO₂, Sauerstoffsättigung und Hämoglobin – berechnete BE die metabolische Komponente zuverlässig abbildet, und zwar aus arteriellem, gemischtvenösem oder venösem Blut.3

Diese Ergebnisse betreffen die ärztliche Behandlung. Nehmen Sie niemals eigenständig Natron oder Bikarbonatpräparate zur „Entsäuerung" ein.

Lassen Sie Ihr Bikarbonat im Zusammenhang deuten

Ein Bikarbonatwert allein sagt wenig: Sein Sinn ergibt sich erst aus der Anionenlücke, aus Chlorid, Natrium und Kalium, aus Ihrer Nierenfunktion und aus der Frage, wie die Probe entnommen wurde.

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Häufige Fragen

Was sagt der Bikarbonat-Wert aus? Er zeigt die Stoffwechselseite des Säure-Basen-Haushalts: wie viel Base dem Blut zur Verfügung steht, um Säuren abzufangen. Reguliert wird das von Nieren und Lunge.1

Wie hoch ist der Normwert von Bikarbonat im Blut? Orientierend 21,0 – 26,0 mmol/l bei Erwachsenen, die Basenabweichung −3,0 bis +3,0 mmol/l.1 Andere deutsche Labore nennen leicht abweichende Grenzen – maßgeblich ist Ihr Befund.2

Was ist der Unterschied zwischen aktuellem Bikarbonat und Standardbikarbonat? Das aktuelle Bikarbonat ist die reale Konzentration in Ihrer Probe. Das Standardbikarbonat ist rechnerisch auf Normbedingungen bezogen (37 °C, pCO₂ 40 mmHg, volle Sauerstoffsättigung) und bleibt bei rein respiratorischen Störungen unverändert – es zeigt daher die Stoffwechselursache reiner an.6

Was bedeutet ein zu niedriger Bikarbonatwert? Eine metabolische Azidose. Die Anionenlücke grenzt ein: vergrößert bei Ketoazidose, Urämie, Laktatazidose oder Vergiftungen; normal bei Durchfall oder renal tubulärer Azidose.45

Was bedeutet ein zu hoher Bikarbonatwert? Meist eine metabolische Alkalose – typischerweise nach anhaltendem Erbrechen oder unter Diuretika, oft zusammen mit einem niedrigen Kalium.6

Ist ein Bikarbonat von 20 mmol/l gefährlich? Nicht automatisch. Eine geringe, einmalige Abweichung ohne Beschwerden wird im Gesamtbild bewertet und kann auch präanalytisch bedingt sein.7 Ausschlaggebend sind Ursache, Ausmaß und Verlauf – das beurteilt die ärztliche Untersuchung.

Kann ein falsch behandeltes Röhrchen den Wert verändern? Ja, erheblich. In einem nicht verschlossenen Gefäß sinkt die Bikarbonatkonzentration binnen einer Stunde um etwa 4 mmol/l.7 Bei der BGA sind Luftblasen und ein zu langsamer Transport die häufigsten Fehlerquellen.1

Wie berechnet man die Anionenlücke? Natrium − (Chlorid + Bikarbonat), alle in mmol/l; der Normbereich liegt bei 5 – 11 mmol/l. Kalium wird nicht mitgerechnet.4

Kann man Bikarbonat mit Natron erhöhen? Bitte nicht in Eigenregie. Die Studienlage zu Natriumbikarbonat ist uneinheitlich – Nutzen bei chronischer Nierenkrankheit, aber auch höherer Blutdruck, kein Vorteil bei älteren Menschen mit leichter Azidose.1213 Behandelt wird immer die Ursache, und das ärztlich.

Das Wichtigste zum Schluss

Bikarbonat (HCO₃⁻) ist der wichtigste Puffer des Blutes und steht für die metabolische Seite des Säure-Basen-Haushalts. Merken Sie sich drei Dinge. Erstens: Die Zahl stammt meist aus der Blutgasanalyse und ist dort berechnet, nicht gemessen – und je nach Gerät stehen bis zu drei Zeilen im Befund (aktuelles Bikarbonat, Standardbikarbonat, Base Excess). Zweitens: 21 – 26 mmol/l sind ein guter Anhalt, zu niedrig bedeutet metabolische Azidose (Nieren, Ketoazidose, Laktat, Durchfall), zu hoch metabolische Alkalose (Erbrechen, Diuretika) – die Richtung klärt die Anionenlücke aus Natrium und Chlorid, nicht der Einzelwert. Drittens: Die Präanalytik kann den Wert um mehrere mmol/l verschieben; ein einmaliger Ausreißer verdient eher eine Kontrolle als Sorge. Erst das Zusammenspiel mit Ihrer Situation ergibt ein Bild – dabei hilft AI DiagMe, ergänzend zu Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

Quellen

Deutsche Universitäts- und Einsendelabore, die S3-Leitlinie der Fachgesellschaften sowie wissenschaftliche Publikationen (PubMed), die für diesen Ratgeber ausgewertet wurden:

Footnotes

  1. Universitätsklinikum Ulm, Zentrale Einrichtung Klinische Chemie – Leistungsverzeichnis Blutgasanalyse (FB-PÄ 6 BGA OE, ID 34136, Revision 003 vom 10.06.2024): Sammelanforderung pH, pCO₂, pO₂, Bicarbonat, Basenabweichung; Puffersysteme und Henderson-Hasselbalch-Gleichung; „Die Bicarbonatkonzentration wird vorrangig durch nichtrespiratorische (metabolische) Vorgänge beeinflusst"; Bicarbonat und Basenabweichung werden berechnet, nicht gemessen; Indikationen; Präanalytik („Die häufigste Fehlerquelle ist eine nicht korrekte Präanalytik, wie die Beimengung von Luftblasen oder ein zu langsamer Probentransport in das Labor"); arterielle Referenzbereiche für Erwachsene (pH 7,37–7,45; Bicarbonat 21,0–26,0 mmol/l; Basenabweichung −3,0 bis +3,0 mmol/l) nach L. Thomas, Labor und Diagnose, 2023. uniklinik-ulm.de 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17

  2. Klinikum Ernst von Bergmann, Labor Potsdam – Leistungsverzeichnis, Eintrag Blutgasanalyse: pH 7,35–7,45; pCO₂ 35–45 mmHg; pO₂ 71–104 mmHg; HCO₃⁻ 21–26 mmol/l; Basenabweichung −2 bis +3 mmol/l; O₂-Sättigung arteriell 95–98,5 %, venös 70–80 %; Präanalytik: „Blutgasmonovette oder -kapillare. Luftfrei machen und sofort verschließen. Gekühlt bei 4 °C innerhalb von 60 Minuten transportieren." evb-gesundheit.de 2 3 4

  3. Zander R (Physioklin, vormals Institut für Physiologie und Pathophysiologie, Universität Mainz). Base excess (BE): reloaded. Eur J Med Res, 2024. PubMed · DOI 2 3

  4. Universitätsmedizin Rostock, Institut für Klinische Chemie und Pathobiochemie – Aktuelle Laborinformation 04/2002: Anionenlücke (anion gap) im Plasma: Formel Anionenlücke = [Na⁺] − ([Cl⁻] + [HCO₃⁻]) = 5–11 mmol/l, Kalium bleibt unberücksichtigt; Hauptanteil negativ geladene Plasmaproteine, daneben Phosphat, Sulfat, Laktat und Acetoacetat; Akronym „KUSMELE" für Azidosen mit vergrößerter Anionenlücke; Azidosen mit normaler Anionenlücke (Diarrhoe als Prototyp, renal tubuläre Azidose, Carboanhydrase-Hemmer). uni-rostock.de 2 3 4 5 6 7 8

  5. Fenves AZ, Emmett M. Approach to Patients With High Anion Gap Metabolic Acidosis: Core Curriculum 2021. Am J Kidney Dis, 2021. PubMed · DOI 2

  6. praktischArzt – Bicarbonat: Werte und Bedeutung: Normwerttabelle mit aktuellem Bicarbonat 20–27 mmol/l, Standardbicarbonat 21–26 mmol/l und Base Excess −3 bis +3 mmol/l; Standardbicarbonat als berechneter Wert unter Normbedingungen (37 °C, volle Sauerstoffsättigung, pCO₂ 40 mmHg), der bei respiratorischen Erkrankungen unverändert bleibt; erhöhte Werte bei metabolischer Alkalose (starkes/chronisches Erbrechen, Diuretika), erniedrigte Werte bei metabolischer Azidose (Ketoazidose, Urämie, Diarrhö). praktischarzt.de 2 3 4 5 6 7

  7. Medizinische Laboratorien Düsseldorf – Untersuchungsverzeichnis, Eintrag Bicarbonat (Bikarbonat), Informationsstand 10.07.2024: Material 2 ml Serum, photometrische Methodik, akkreditierte Untersuchung; „Vorzugsweise sollte venöses Blut, das anaerob in der für Bikarbonat üblichen Weise entnommen wurde, als Probenmaterial eingesetzt werden"; „In unverschlossenen Gefäßen nimmt die Bikarbonatkonzentration nach einer Stunde um ca. 4 mmol/L ab"; Haltbarkeit mehrere Tage bei 2–8 °C nur bei abgetrennten Erythrozyten und fest verschlossener Probe. labor-duesseldorf.de 2 3 4

  8. Universitätsmedizin Rostock, ILAB-Zentrallabor – Laborkatalog, Eintrag Blutgase im Kapillarblut; pH (Stand 21.04.2026): Indikationen einschließlich Niereninsuffizienz, tubulärer Nierenerkrankungen, Diabetes mellitus, Intoxikationen, Durchfall und Erbrechen sowie Überwachung von Dialyse und Beatmung; spezielle Präanalytik (blasenfreie Blutabnahme, Kontamination mit atmosphärischer Luft meiden, „Keine Aufbewahrung der Probe auf Eis, da dies zur Hämolyse führen kann"); Liste präanalytischer Fehler und der jeweils betroffenen Parameter; venöse Proben werden für die Vollblutanalyse der Sauerstoffparameter nicht empfohlen. uni-rostock.de 2 3

  9. DEGAM/DGfN – S3-Leitlinie Versorgung von Patient*innen mit chronischer, nicht-nierenersatztherapiepflichtiger Nierenkrankheit in der Hausarztpraxis, AWMF-Register-Nr. 053-048, Version 2.0, Langfassung (Stand 02/2025): metabolische Azidose als CKD-assoziierte Zweiterkrankung; „Bei fortgeschrittener CKD ist mit abnehmender Nierenfunktion der Säure-Base-Haushalt zunehmend gestört … Bei metabolischer Azidose kommt es vermehrt zum Katabolismus und Muskelabbau"; pflanzliche Nahrungsmittel führen zu einer niedrigeren endogenen Säurebelastung als tierische; Vergleich von Obst und Gemüse mit Bikarbonatsubstitution bei CKD G4. register.awmf.org 2 3

  10. Medicoconsult (Facharztwissen) – Blutgasanalyse und Säure-Basen-Haushalt: Normwerte im arteriellen Blut (pH 7,37–7,45; pCO₂ 35–46 mmHg; pO₂ 71–104 mmHg; HCO₃⁻ 21–26 mmol/l) und im venösen Blut (pH 7,35–7,43; pCO₂ 37–50 mmHg; pO₂ 36–44 mmHg; HCO₃⁻ 21–26 mmol/l); Einordnung respiratorischer und metabolischer Azidosen und Alkalosen. medicoconsult.de

  11. Bloom BM, Grundlingh J, Bestwick JP, Harris T. The role of venous blood gas in the emergency department: a systematic review and meta-analysis. Eur J Emerg Med, 2014. PubMed · DOI

  12. Yang TY, Lin HM, Wang HY, Chuang MH, Hsieh CC, Tsai KT, Chen JY. Sodium Bicarbonate Treatment and Clinical Outcomes in Chronic Kidney Disease with Metabolic Acidosis: A Meta-Analysis. Clin J Am Soc Nephrol, 2024. PubMed · DOI 2

  13. BiCARB study group. Clinical and cost-effectiveness of oral sodium bicarbonate therapy for older patients with chronic kidney disease and low-grade acidosis (BiCARB): a pragmatic randomised, double-blind, placebo-controlled trial. BMC Med, 2020. PubMed · DOI 2

  14. Jaber S, Paugam C, Futier E, Lefrant JY, et al. Sodium bicarbonate therapy for patients with severe metabolic acidaemia in the intensive care unit (BICAR-ICU): a multicentre, open-label, randomised controlled, phase 3 trial. Lancet, 2018. PubMed · DOI

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