Harnsäure zu hoch: Normalwerte, Ursachen und Gicht
Normal sind 3,6–8,2 mg/dl bei Männern und 2,3–6,1 mg/dl bei Frauen. Warum nur etwa ein Drittel Gicht bekommt und der Wert im Anfall normal sein kann.
Ein erhöhter Harnsäurewert steht auf sehr vielen Laborbefunden – und bleibt bei den meisten Menschen folgenlos. Das IQWiG formuliert es nüchtern: „Nur ein Drittel aller Menschen mit erhöhten Harnsäure-Spiegeln erkrankt auch an Gicht – viele Menschen haben erhöhte Werte, ohne Beschwerden zu haben."1 Zur Krankheit wird die Hyperurikämie erst in dem Moment, in dem Harnsäure auskristallisiert: dann entsteht ein Gichtanfall oder ein Nierenstein. Dieser Ratgeber erklärt die Normalwerte in mg/dl und µmol/l, die Ursachen erhöhter Werte, was ein niedriger Wert bedeutet – und einen Punkt, der regelmäßig zu Fehlschlüssen führt: im akuten Gichtanfall kann die Harnsäure normal sein. Der Wert gehört zu den Nierenwerten.
Auf einen Blick
- Harnsäure ist das Endprodukt des Purinstoffwechsels; ausgeschieden wird sie überwiegend über die Nieren.1
- Referenzwerte (IQWiG, ab 18 Jahren): Männer 3,6–8,2 mg/dl (214–488 µmol/l), Frauen 2,3–6,1 mg/dl (137–363 µmol/l).1
- Die chemische Grenze liegt tiefer als das obere Laborende: Ab etwa 6,8–7 mg/dl (ca. 400–420 µmol/l) ist das Löslichkeitsprodukt überschritten und Kristalle können entstehen.2
- Eine Hyperurikämie ist häufig und meist stumm. In der bundesweiten Erhebung DEGS1 hatten 9,7 % der Erwachsenen jemals die Diagnose Hyperurikämie oder Gicht – Männer fast doppelt so oft wie Frauen (12,9 % vs. 6,5 %).3
- ⚠️ Im Gichtanfall kann der Wert normal oder erniedrigt sein. Ein unauffälliges Ergebnis schließt eine Gicht daher nicht aus.24
- Bei gesicherter Gicht unter medikamentöser Therapie nennt die deutsche S3-Leitlinie einen Zielwert unter 6 mg/dl (360 µmol/l).2
- Für eine spezielle Gichtdiät gibt es laut derselben Leitlinie „keine evidenzgesicherte Empfehlung" – der Einfluss der Ernährung wird im Alltag überschätzt.2
Was Harnsäure ist
Harnsäure entsteht am Ende des Purinstoffwechsels. Purine sind Bausteine der Erbsubstanz: Sie stammen zum größeren Teil aus dem Umbau körpereigener Zellen, zum kleineren aus der Nahrung. Ausgeschieden wird Harnsäure überwiegend über die Nieren, ein Rest über den Darm. Der Blutwert ist also ein Gleichgewicht aus Bildung und Ausscheidung – und weil die Niere den Löwenanteil regelt, verschiebt sich der Wert bei nachlassender Nierenfunktion nach oben. Das IQWiG benennt das als häufigste Ursache: Meist arbeiten schlicht die Nieren nicht optimal.1
Oberhalb einer bestimmten Konzentration bleibt Harnsäure nicht mehr gelöst. Die S3-Leitlinie beziffert dieses Löslichkeitsprodukt mit etwa 6,8–7 mg/dl (ca. 400–420 µmol/l) und nennt zugleich die lokalen Faktoren, die Kristalle begünstigen: ein niedriger pH-Wert im entzündeten Gewebe und raue Knorpeloberflächen bei vorbestehender Arthrose. Bei Gewebekühle oder Minderdurchblutung liegt die Löslichkeitsgrenze noch tiefer – daraus erklärt sich, warum ausgerechnet das Großzehengrundgelenk so oft betroffen ist.2
Warum Harnsäure gemessen wird
Die typischen Anlässe:
- Verdacht auf Gicht oder Verlaufskontrolle einer bekannten Gicht;2
- Abklärung von Nierensteinen – Harnsäuresteine entstehen vor allem bei sehr saurem Urin;
- als Teil der Nierenwerte, gelesen neben Kreatinin, Harnstoff, Cystatin C und Albumin im Urin;
- im Rahmen eines metabolischen Profils: Hyperurikämie tritt oft zusammen mit erhöhtem Blutzucker, HbA1c, Triglyceriden, auffälligen Cholesterinwerten und erhöhtem Insulin auf;
- zur Überwachung bei Medikamenten, die den Wert anheben, und in der Onkologie beim Tumorlysesyndrom unter Chemotherapie – dort zusammen mit dem großen Blutbild.
Harnsäure: Normalwerte und Tabelle
Die folgenden Referenzwerte für Erwachsene stammen vom IQWiG; die klinischen Schwellen aus der deutschen S3-Leitlinie.12 Maßgeblich bleibt immer der Bereich, der auf Ihrem Befund gedruckt ist – Labore verwenden unterschiedliche Methoden.
| Situation | Wert | Umgerechnet |
|---|---|---|
| Männer ab 18 Jahren | 3,6 – 8,2 mg/dl | 214 – 488 µmol/l |
| Frauen ab 18 Jahren | 2,3 – 6,1 mg/dl | 137 – 363 µmol/l |
| Löslichkeitsgrenze (Sättigung) | ca. 6,8 – 7 mg/dl | ca. 400 – 420 µmol/l |
| Zielwert bei behandelter Gicht | < 6 mg/dl | < 360 µmol/l |
| Zielwert bei tophöser Gicht (erwägbar) | < 5 mg/dl | < 300 µmol/l |
Warum das Laborende höher liegt als die chemische Grenze
Der Referenzbereich ist statistisch: Er beschreibt, was in der Bevölkerung gemessen wird. Die Löslichkeitsgrenze ist dagegen physikalisch-chemisch: Oberhalb von etwa 6,8 mg/dl kann Harnsäure ausfallen.2 Deshalb kann ein Wert von 7,5 mg/dl beim Mann als „im Normbereich" erscheinen und trotzdem eine Größenordnung sein, über die man spricht. Frauen haben vor den Wechseljahren niedrigere Werte.
Umrechnung: mg/dl × 59,5 = µmol/l (die Leitlinie rundet den Faktor auf 60). Umgekehrt: µmol/l ÷ 59,5 = mg/dl.
Harnsäure zu hoch: Ursachen
Eine Hyperurikämie verläuft in aller Regel ohne jedes Symptom. Das ist der wichtigste Satz zu diesem Wert. Beschwerden entstehen erst, wenn Kristalle entstehen – als Gichtanfall oder als Nierenstein. Die oft zugeschriebene „Müdigkeit" ist kein spezifisches Zeichen einer erhöhten Harnsäure.
Die Ursachen, nach ihrem tatsächlichen Gewicht geordnet:
- Verminderte Ausscheidung über die Nieren – der häufigste Mechanismus. Fällt die geschätzte glomeruläre Filtrationsrate von ≥ 60 auf unter 30 ml/min/1,73 m², steigt der Anteil von Gichtbetroffenen laut S3-Leitlinie von 16 auf 35,6 %.21
- Genetische Veranlagung – Familiarität ist ein starker, im Alltag stark unterschätzter Faktor.
- Übergewicht und Adipositas: In einer Metaanalyse lag das Gichtrisiko bei einem BMI ≥ 30 kg/m² 2,24-fach höher als darunter.2
- Alkohol, insbesondere Bier: In der Kohorte von Choi zeigte Bierkonsum den stärksten unabhängigen Zusammenhang mit dem Gichtrisiko, Spirituosen einen schwächeren – Weinkonsum keinen signifikanten.2
- Fruktose aus gezuckerten Getränken: Metaanalysen zeigen einen Anstieg der Serumharnsäure.5
- Medikamente, allen voran Schleifen- und Thiaziddiuretika, außerdem niedrig dosierte Acetylsalicylsäure und Betablocker.2
- Fasten und rasche Gewichtsabnahme, die den Wert vorübergehend anheben – kurzfristig traten nach bariatrischen Operationen sogar vermehrt Gichtanfälle auf.2
- Massiver Zellzerfall, etwa unter einer Chemotherapie (Tumorlysesyndrom).1
Zu den Medikamenten sagt die Leitlinie, harnsäureerhöhende Wirkstoffe sollten „nur unter strenger Indikationsstellung" eingesetzt und Alternativen gesucht werden.2 Das ist eine Empfehlung an die verordnende Praxis – kein Anlass, selbst etwas abzusetzen. Nehmen Sie Ihre Medikamentenliste zum nächsten Termin mit.
Bedeutet ein hoher Wert Krebs? Nein. Eine Hyperurikämie ist kein Tumormarker. Sehr hohe Werte können unter der Behandlung bestimmter Blutkrankheiten auftreten, wenn massenhaft Zellen zerfallen – das ist aber nicht die Situation eines Routinebefunds.
Gicht: wenn Kristalle entstehen
Die Gicht ist die häufigste entzündliche Gelenkerkrankung in Industrieländern; das IQWiG schätzt 1 bis 2 % der Bevölkerung als betroffen, Männer etwa fünfmal so oft und früher als Frauen.4 Der Anfall beginnt meist nachts oder morgens, oft am Großzehengrundgelenk (Podagra): Das Gelenk wird plötzlich rot, heiß, geschwollen und äußerst schmerzhaft. „Meist sind Schwellung und Beschwerden nach 6 bis 12 Stunden am stärksten ausgeprägt", und die Entzündung klingt „innerhalb von 1 bis 2 Wochen von allein" ab.4 Genau dieses Abklingen führt dazu, dass viele Betroffene zu lange warten. Bei etwa 10 % bilden sich mit der Zeit knotige Kristalldepots, sogenannte Tophi.2
Die S3-Leitlinie stellt die Diagnose aus Anamnese, Befund und Serumharnsäurewert; bei unklaren Fällen folgen Gelenkpunktion mit Polarisationsmikroskopie oder Sonographie.2 Eine harnsäuresenkende Dauertherapie wird nicht bei jedem hohen Wert begonnen, sondern bei beeinträchtigendem Anfall, mehr als einem Anfall pro Jahr oder tophöser Gicht.2 Bemerkenswert ist ein Sondervotum der Hausärztegesellschaft DEGAM: Sie lehnt eine pauschale Titration auf einen Laborzielwert ab und plädiert für ein „patientenzentriertes, an das individuelle Risiko und die Gichtlast adaptiertes Vorgehen".2 Sichtbar wird darin ein realer Fachdissens – Beschwerdefreiheit oder Zahl? Welche Strategie zu Ihnen passt, entscheidet Ihre Ärztin oder Ihr Arzt.
⚠️ Der klassische Denkfehler: normale Harnsäure im Anfall
Ein normaler Wert schließt eine Gicht nicht aus. Die S3-Leitlinie begründet es physiologisch: „Da die Harnsäurewerte im Anfall und bei anderen entzündlichen Zuständen aufgrund erhöhter renaler Harnsäureexkretion normal oder erniedrigt sein können, ist es ratsam, den Serumharnsäurewert auch nach dem Abklingen der Entzündung zu bestimmen."2 Das IQWiG sagt dasselbe kürzer: „Nur den Harnsäurespiegel im Blut zu bestimmen, ist zu wenig aussagekräftig, da er während eines Gichtanfalls oft in den Normalbereich absinkt."4
Die Größenordnung ist gut belegt. In der Auswertung zweier Therapiestudien mit 339 Patienten im akuten Anfall lag die Harnsäure bei 14 % bei ≤ 6 mg/dl und bei 32 % bei ≤ 8 mg/dl.6 Praktische Folge: Nach einem typischen Anfall mit normalem Wert lohnt eine Kontrolle in beschwerdefreiem Intervall.
Harnsäure zu niedrig
Eine Hypourikämie ist deutlich seltener und meist harmlos. Möglich sind eine sehr eiweißarme Ernährung, Lebererkrankungen, Medikamente sowie – als eigenständiges Bild – eine renale Hypourikämie: ein erblicher Defekt des Harnsäure-Transporters URAT1 in der Niere, der zu einem Wert unter etwa 2,0 mg/dl (rund 120 µmol/l) führt. Beschrieben ist sie vor allem in japanischen und in europäischen Roma-Bevölkerungen; die meisten Betroffenen bleiben zeitlebens beschwerdefrei. Berichtet ist bei ausgeprägten Formen ein erhöhtes Risiko für ein belastungsbedingtes akutes Nierenversagen nach intensiver körperlicher Anstrengung.7 Ein einmalig niedriger Wert ist kein Grund zur Sorge – seine Einordnung gehört in ärztliche Hände.
Ernährung: real, aber überschätzt
Hier lohnt Ehrlichkeit. Die deutsche S3-Leitlinie empfiehlt zwar „eine gesunde, ausgewogene Ernährung mit Reduktion des Fleischkonsums, pflanzenbetonter Ernährung, Reduktion des Alkoholkonsums und Reduktion von mit Fructose angereicherten Lebensmitteln" – setzt aber unmittelbar hinzu: „Für eine spezifische Diät, die Gichtanfälle reduziert, gibt es keine evidenzgesicherte Empfehlung."2 An anderer Stelle heißt es, diätetische Bemühungen allein seien oft nicht ausreichend, um eine medikamentöse Therapie zu vermeiden.2 Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung geht in dieselbe Richtung: pflanzenbetonte, vollwertige Kost, weitgehender Verzicht auf alkoholische Getränke, Meiden fruktosehaltiger Getränke, reichlich trinken.8
Der Grund für diese Zurückhaltung ist Biologie: Der größere Teil der Harnsäure entsteht im Körper, und der entscheidende Regler ist die Niere. Eine Ernährungsumstellung ist deshalb sinnvoll und wirkt auf das gesamte metabolische Umfeld – aber sie ist kein Ersatz für die Behandlung einer manifesten Gicht, und sie ist praktisch nie allein „schuld" an einem erhöhten Wert. Zur Gewichtsabnahme liegen Daten vor: In einer systematischen Übersicht sank die mittlere Harnsäure je nach Studie um 30 bis 168 µmol/l, proportional zum Ausmaß der Gewichtsabnahme; zwischen 0 und 60 % der Teilnehmenden erreichten den Zielwert.2 Ein „Schnellrezept", das Kristalle auflöst, gibt es nicht – wirksame Senkung braucht Monate.
Muss eine Hyperurikämie ohne Gicht behandelt werden?
Das ist die eigentliche klinische Frage – und die deutsche Antwort ist zurückhaltend. Die S3-Leitlinie knüpft die Indikation für eine harnsäuresenkende Therapie ausdrücklich an eine diagnostizierte Gicht mit Anfällen oder Tophi; für die reine Laborerhöhung ohne Beschwerden sieht sie keine Behandlungsempfehlung vor.2 Das IQWiG sagt es für Patientinnen und Patienten direkt: „Erhöhte Harnsäure-Werte sind verbreitet – wenn sie keine Beschwerden machen, müssen sie auch nicht unbedingt behandelt werden."1
Die internationale Studienlage stützt das. Die Studie CKD-FIX konnte nicht zeigen, dass eine Harnsäuresenkung das Fortschreiten einer chronischen Nierenerkrankung bremst,9 und eine Netzwerk-Metaanalyse zu harnsäuresenkenden Wirkstoffen bei asymptomatischer Hyperurikämie fand keinen belastbaren klinischen Nutzen.10 Behandelt wird also die Krankheit, nicht die Zahl – während Gewicht, Blutdruck, Blutzucker und Nierenfunktion sehr wohl im Blick bleiben.
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Aktuelle Forschung
Aus deutschen Leitlinien und aktuellen, auf PubMed indexierten Publikationen:
- Neue deutsche S3-Leitlinie. Seit 2024/2025 fasst die S3-Leitlinie „Diagnostik und Therapie der Gicht" (AWMF-Registernummer 060-005, federführend DGRh) die frühere fachärztliche und die hausärztliche Leitlinie zusammen – erstmals unter Beteiligung von Patientenvertretern und mit Evidenzberichten des IQWiG.2
- Kardiovaskuläre Sicherheit der Wirkstoffe. Nach dem Signal der CARES-Studie kam die Studie FAST zum Ergebnis der Nichtunterlegenheit von Febuxostat gegenüber Allopurinol.11
- Kein belegter Nierennutzen ohne Gicht. CKD-FIX zeigte keine Verlangsamung der chronischen Nierenerkrankung durch Allopurinol.9
- Geschlecht zählt. Die Auswertung der bundesweiten Erhebung DEGS1 (6 918 Teilnehmende) fand, dass Herz-Kreislauf- und Nierenerkrankungen bei Frauen schon bei niedrigeren Harnsäurewerten häufiger wurden als bei Männern – ein Argument für geschlechtsspezifische Schwellen.3
- Wie die Medikamente wirken. Die Datenbank ChEMBL führt Allopurinol und seinen aktiven Metaboliten Oxypurinol als Hemmstoffe der Xanthin-Dehydrogenase/-Oxidase – jenes Enzyms, das Harnsäure herstellt.12
- Was untersucht wird. Eine laufende Phase-2/3-Studie prüft mit Dapansutril einen Hemmstoff des NLRP3-Entzündungswegs beim akuten Gichtanfall; die S3-Leitlinie nennt zudem den harnsäuresenkenden Nebeneffekt der SGLT2-Hemmer.132
Diese Erkenntnisse betreffen Diagnostik und Behandlung. Sie rechtfertigen keine Selbstbehandlung und ersetzen die ärztliche Beurteilung nicht.
Häufige Fragen
Welcher Harnsäurewert ist normal? Beim Mann 3,6–8,2 mg/dl (214–488 µmol/l), bei der Frau 2,3–6,1 mg/dl (137–363 µmol/l).1 Chemisch relevant ist eine tiefere Grenze: Ab etwa 6,8 mg/dl kann Harnsäure auskristallisieren.2
Ab wann ist die Harnsäure zu hoch? Von einer Hyperurikämie spricht man oberhalb des Referenzbereichs; klinisch bedeutsam wird es ab der Sättigungsgrenze von etwa 6,8–7 mg/dl (400–420 µmol/l).2 Entscheidend ist aber nicht die Zahl allein, sondern ob je Kristalle Beschwerden gemacht haben.
Welche Symptome macht eine erhöhte Harnsäure? Meist gar keine. Mögliche Folgen sind der Gichtanfall – plötzlicher, sehr starker Gelenkschmerz mit Rötung und Schwellung, typischerweise am Großzehengrundgelenk – und Nierensteine.4
Kann man Gicht mit normaler Harnsäure haben? Ja. Im akuten Anfall sinkt der Wert häufig in den Normalbereich.4 In einer Auswertung von 339 Patienten im Anfall lagen 14 % bei ≤ 6 mg/dl.6 Deshalb sollte der Wert nach Abklingen der Entzündung erneut bestimmt werden.2
Muss eine erhöhte Harnsäure ohne Beschwerden behandelt werden? In der Regel nicht. Das IQWiG hält fest, dass erhöhte Werte ohne Beschwerden „nicht unbedingt behandelt werden" müssen,1 und die S3-Leitlinie knüpft die medikamentöse Therapie an eine diagnostizierte Gicht.2
Hilft eine purinarme Ernährung? Sie ist sinnvoll, aber ihre Wirkung wird überschätzt: Für eine spezifische Gichtdiät gibt es „keine evidenzgesicherte Empfehlung", weil der größere Teil der Harnsäure im Körper entsteht.2 Empfohlen werden pflanzenbetonte Kost, weniger Fleisch, weniger Alkohol und weniger fruktosehaltige Getränke.28
Was bedeutet eine zu niedrige Harnsäure? Meist nichts Bedrohliches. Ursachen können eiweißarme Ernährung, Medikamente, Lebererkrankungen oder ein erblicher Nierentransport-Defekt (renale Hypourikämie, Werte unter etwa 2,0 mg/dl) sein.7
Muss man für die Harnsäurebestimmung nüchtern sein? Halten Sie sich an die Angabe auf Ihrem Laborzettel – oft wird die Harnsäure zusammen mit nüchtern zu bestimmenden Werten wie Blutzucker abgenommen. Vermeiden Sie eine Abnahme direkt nach einer sehr üppigen Mahlzeit oder Alkoholkonsum.
Das Wichtigste in Kürze
Harnsäure ist das Endprodukt des Purinstoffwechsels und wird über die Nieren ausgeschieden. Merken Sie sich die Größenordnungen – Männer 3,6–8,2 mg/dl, Frauen 2,3–6,1 mg/dl, Sättigung ab etwa 6,8 mg/dl, Therapieziel bei Gicht unter 6 mg/dl – und vor allem drei Sätze: Eine Hyperurikämie ist häufig und meist stumm, nur etwa ein Drittel der Betroffenen erkrankt an Gicht, und ein normaler Wert im Anfall schließt eine Gicht nicht aus. Ernährung spielt eine Rolle, aber eine kleinere als Genetik und Nierenfunktion – die deutsche Leitlinie kennt keine belegte Gichtdiät. Kein Laborwert ergibt allein einen Sinn: Es zählt das Gesamtbild aus Nierenwerten, Stoffwechsel und Vorgeschichte. Dabei hilft AI DiagMe, ergänzend zu Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
Quellen
Deutsche Fachgesellschaften und Institutionen sowie wissenschaftliche Publikationen (PubMed, ClinicalTrials.gov, ChEMBL):
Footnotes
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IQWiG / Gesundheitsinformation.de – Harnsäure: Referenzwerte ab 18 Jahren (Frauen 2,3–6,1 mg/dl bzw. 137–363 µmol/l; Männer 3,6–8,2 mg/dl bzw. 214–488 µmol/l), „Nur ein Drittel aller Menschen mit erhöhten Harnsäure-Spiegeln erkrankt auch an Gicht", „wenn sie keine Beschwerden machen, müssen sie auch nicht unbedingt behandelt werden", Nierenfunktion als häufigste Ursache, Harnsäure bei Krebstherapie. gesundheitsinformation.de ↩ ↩2 ↩3 ↩4 ↩5 ↩6 ↩7 ↩8 ↩9 ↩10
-
Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie und Klinische Immunologie (DGRh) u. a. – S3-Leitlinie Diagnostik und Therapie der Gicht, AWMF-Registernummer 060-005, Version 2.1 (Langfassung, Stand Januar 2025): Löslichkeitsprodukt ca. 6,8–7 mg/dl (400–420 µmol/l) und Löslichkeit bei pH 7,4/37 °C bis ca. 6,5 mg/dl; Empfehlung 2.1 (Diagnose aus Anamnese, Befund, Serumharnsäurewert) und Rationale zu normalen/erniedrigten Werten im Anfall; Empfehlung 4.2 (Therapieindikation), 4.5 (< 6 mg/dl) und 4.6 (< 5 mg/dl bei tophöser Gicht) mit Sondervotum der DEGAM; Empfehlung 6.2 (Diuretika); Empfehlung 7.1 und 7.2 (Ernährung, Alkohol, Übergewicht; Daten von Choi und Evans; Gewichtsabnahme 30–168 µmol/l); Tophi bei ca. 10 %; eGFR-Abfall und Gichtanteil 16 → 35,6 %. register.awmf.org · PDF ↩ ↩2 ↩3 ↩4 ↩5 ↩6 ↩7 ↩8 ↩9 ↩10 ↩11 ↩12 ↩13 ↩14 ↩15 ↩16 ↩17 ↩18 ↩19 ↩20 ↩21 ↩22 ↩23 ↩24 ↩25 ↩26 ↩27 ↩28 ↩29 ↩30 ↩31
-
Engel B, Hoffmann F, Freitag MH, Jacobs H. Should we be more aware of gender aspects in hyperuricemia? Analysis of the population-based German health interview and examination survey for adults (DEGS1). Maturitas, 2021 Nov;153:33–40. 6 918 Teilnehmende, 9,7 % jemals Diagnose Hyperurikämie oder Gicht (Männer 12,9 %, Frauen 6,5 %). PubMed · DOI ↩ ↩2
-
IQWiG / Gesundheitsinformation.de – Gicht: Häufigkeit 1–2 % der Bevölkerung, Männer etwa fünfmal so häufig betroffen; „Meist sind Schwellung und Beschwerden nach 6 bis 12 Stunden am stärksten ausgeprägt"; Abklingen „innerhalb von 1 bis 2 Wochen von allein"; „Nur den Harnsäurespiegel im Blut zu bestimmen, ist zu wenig aussagekräftig, da er während eines Gichtanfalls oft in den Normalbereich absinkt". gesundheitsinformation.de ↩ ↩2 ↩3 ↩4 ↩5 ↩6
-
Ebrahimpour-Koujan S, Saneei P, Larijani B, Esmaillzadeh A. Consumption of sugar-sweetened beverages and serum uric acid concentrations: a systematic review and meta-analysis. J Hum Nutr Diet, 2021 Apr;34(2):305–313. PubMed · DOI ↩
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-
Hakoda M, Ichida K. Genetic Basis of the Epidemiological Features and Clinical Significance of Renal Hypouricemia. Biomedicines, 2022 Jul 13;10(7):1696. Renale Hypourikämie definiert über eine Serumharnsäure < 2,0 mg/dl; URAT1-Defekt; belastungsbedingtes akutes Nierenversagen bei ausgeprägten Formen. PubMed · DOI ↩ ↩2
-
Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) – Essen und Trinken bei Gicht, Broschüre, 3., vollständig überarbeitete Auflage 2023: pflanzenbetonte, vollwertige Ernährung, weitgehender Verzicht auf alkoholische Getränke, Meiden fruktosehaltiger Getränke, reichliche Trinkmenge. dge.de ↩ ↩2
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Mackenzie IS, Ford I, Nuki G, et al. Long-term cardiovascular safety of febuxostat compared with allopurinol in patients with gout (FAST): a multicentre, prospective, randomised, open-label, non-inferiority trial. Lancet, 2020 Nov 28;396(10264):1745–1757. PubMed · DOI ↩
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ChEMBL (EMBL-EBI) – Allopurinol (CHEMBL1467) und der aktive Metabolit Oxypurinol (CHEMBL1200477) als Inhibitoren der Xanthin-Dehydrogenase (Target CHEMBL1929), Mechanism of Action. ebi.ac.uk/chembl ↩
-
ClinicalTrials.gov – A Multi-Center Phase 2/3 Randomized, Double-Blind, Placebo-Controlled, Parallel-Group Safety and Efficacy Study of Dapansutrile Tablets in Subjects With an Acute Gout Flare, Kennung NCT05658575 (Olatec Therapeutics, rekrutierend). clinicaltrials.gov ↩