Cholesterinwerte: Tabelle, Normalwerte und LDL-Zielwerte
Gesamtcholesterin unter 200 mg/dl, HDL über 40, Triglyzeride unter 150 – beim LDL gibt es keinen festen Normalwert: Der Zielwert hängt von Ihrem Risiko ab.
Die Blutfettwerte – auf dem Befund meist als Lipidprofil oder Lipidstatus überschrieben – sind der am häufigsten gesuchte Laborwert Deutschlands und zugleich der am gründlichsten missverstandene. Der Grund ist ein Satz, den kaum ein Befund ausspricht: Für das LDL-Cholesterin gibt es keinen allgemeingültigen Normalwert. Ein LDL, das bei der einen Person unbedenklich ist, ist bei der anderen deutlich zu hoch – nicht weil sie älter wäre, sondern weil ihr kardiovaskuläres Gesamtrisiko ein anderes ist. Dieser Ratgeber erklärt, welche Cholesterinwerte als wünschenswert gelten, wie die Zielwerte-Tabelle der deutschen Kardiologen aussieht, ob man nüchtern sein muss – und warum der Wert, den viele zuerst suchen, der am wenigsten aussagekräftige ist.
Auf einen Blick
- Was gemessen wird: Gesamtcholesterin, LDL, HDL und Triglyzeride – dazu berechnet das Labor das Non-HDL-Cholesterin.12
- Orientierungswerte für Erwachsene: Gesamtcholesterin unter 200 mg/dl (5,2 mmol/l), HDL über 40 mg/dl (1,0 mmol/l), Triglyzeride unter 150 mg/dl (1,7 mmol/l).34
- Beim LDL gibt es keinen einheitlichen Grenzwert. Der Zielwert reicht je nach Risikokategorie von unter 116 mg/dl bis unter 40 mg/dl.5
- Nüchtern? Die europäischen Fachgesellschaften halten das Fasten für nicht routinemäßig erforderlich6 – deutsche Patientenseiten und Laborscheine sagen oft noch etwas anderes.7
- Check-up 35: Das Lipidprofil gehört dazu – wörtlich „Gesamtcholesterin, LDL-Cholesterin, HDL-Cholesterin, Triglyceride".1
- Der LDL/HDL-Quotient verschwindet gerade von deutschen Befunden: Er gilt als „wenig bzw. nicht aussagekräftig" und wird durch das Non-HDL-Cholesterin ersetzt.2
- Zwei Einheiten, zwei Umrechnungsfaktoren: Cholesterin und Triglyzeride rechnet man nicht gleich um – eine klassische Fehlerquelle.8
- Häufig: In der RKI-Studie DEGS1 lagen 56,6 % der Männer und 60,5 % der Frauen über 190 mg/dl Gesamtcholesterin; mehr als die Hälfte der Betroffenen wusste nichts davon.9
Was im Lipidprofil steht
Cholesterin ist kein Schadstoff, sondern ein unverzichtbarer Baustein: Es steckt in jeder Zellmembran und ist Ausgangsstoff für Steroidhormone, Gallensäuren und Vitamin D. Der größere Teil stammt nicht aus dem Essen, sondern aus der eigenen Leber. Weil Fett sich nicht in Blut löst, reist es in Transportpartikeln – den Lipoproteinen. Genau die misst das Lipidprofil:
- Gesamtcholesterin – die Summe allen transportierten Cholesterins, das „gute" eingeschlossen. Die auffälligste Zahl des Befunds und für sich allein die am wenigsten aussagekräftige.
- LDL-Cholesterin – das „schlechte". Die deutsche Fassung der europäischen Leitlinie ist hier ungewöhnlich deutlich: LDL-C ist nicht bloß ein Risikofaktor, sondern „eine direkte Ursache" der Atherosklerose. Deshalb steht die LDL-Senkung im Mittelpunkt der Prävention.5
- HDL-Cholesterin – das „gute". Es transportiert Cholesterin zur Leber zurück. Ein niedriges HDL ist ein eigenständiger Risikofaktor; ein hohes HDL gleicht ein zu hohes LDL aber nicht aus.
- Triglyzeride – eine andere Fettform, eng an Zucker, Alkohol und Körpergewicht gekoppelt und viel stärker von der letzten Mahlzeit abhängig als das Cholesterin.
- Non-HDL-Cholesterin – Gesamtcholesterin minus HDL, also alles atherogene Cholesterin zusammen. Viele deutsche Labore berechnen es inzwischen automatisch mit.2
Wird das Bild unklar, kommen zwei Werte dazu: das Apolipoprotein B, das die Anzahl der gefährlichen Partikel zählt statt ihres Cholesteringehalts, und das Lipoprotein(a), das zu über 90 % genetisch festgelegt ist. Für Lp(a) empfiehlt die deutsche Pocket-Leitlinie, es mindestens einmal im Leben zu bestimmen – Werte über 50 mg/dl (105 nmol/l) gelten als Risikomodifikator.5
Der wichtigste Punkt: Es gibt keinen LDL-Normalwert
Hier liegt das größte Missverständnis rund um die Cholesterinwerte – und es lohnt sich, diesen Punkt vor jeder Tabelle zu verstehen.
Bei den meisten Laborwerten gibt es einen Referenzbereich, in dem „normal" steht. Beim LDL-Cholesterin ist das anders: Der anzustrebende Wert leitet sich nicht aus einer Bevölkerungsverteilung ab, sondern aus Ihrem individuellen Risiko, in den nächsten zehn Jahren ein Herz-Kreislauf-Ereignis zu erleiden. Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie hat die europäischen Empfehlungen 2025 in einer eigenen Pocket-Leitlinie übernommen und unterscheidet fünf Kategorien. Grundlage sind die Rechner SCORE2 (40–69 Jahre) und SCORE2-OP (ab 70 Jahre), die aus Alter, Geschlecht, Blutdruck, Rauchstatus und Non-HDL-Cholesterin das Zehnjahresrisiko schätzen.510
| Risikokategorie | LDL-Zielwert |
|---|---|
| Niedriges Risiko (SCORE2 < 2 %) | < 3,0 mmol/l (< 116 mg/dl) |
| Mittleres Risiko (SCORE2 2 bis < 10 %) | < 2,6 mmol/l (< 100 mg/dl) |
| Hohes Risiko (SCORE2 10 bis < 20 %, familiäre Hypercholesterinämie, Gesamtcholesterin > 310 mg/dl, LDL > 190 mg/dl …) | < 1,8 mmol/l (< 70 mg/dl) |
| Sehr hohes Risiko (bestehende Gefäßerkrankung, SCORE2 ≥ 20 %, schwere Nierenerkrankung …) | < 1,4 mmol/l (< 55 mg/dl) |
| Extremes Risiko (neue Kategorie 2025) | < 1,0 mmol/l (< 40 mg/dl) |
Bei hohem und sehr hohem Risiko gilt zusätzlich eine Senkung um mindestens 50 % gegenüber dem unbehandelten Ausgangswert.5
Was das praktisch heißt: Ein LDL von 110 mg/dl ist bei einer 35-jährigen Nichtraucherin ohne weitere Risikofaktoren unauffällig – bei jemandem nach Herzinfarkt liegt derselbe Wert um das Doppelte über dem Ziel. Die häufige Frage „Welcher Cholesterinwert ist normal mit 60?" läuft deshalb ins Leere: Die Zielwerte werden mit dem Alter nicht großzügiger. Was sich ändert, ist die Risikokategorie – und mit ihr das Ziel, meist nach unten. Die Einstufung kann nur ärztlich erfolgen; die Leitlinie nennt neben den Rechnern ausdrücklich Risikomodifikatoren wie eine familiäre Vorbelastung mit vorzeitiger Herz-Kreislauf-Erkrankung (Männer unter 55, Frauen unter 60 Jahren), Adipositas, Bewegungsmangel, chronisch-entzündliche Erkrankungen – die sich auch an den Leukozyten zeigen können –, ein dauerhaft erhöhtes hs-CRP über 2 mg/l oder ein erhöhtes Lp(a).5
Cholesterinwerte-Tabelle
Für die Einordnung ohne Risikoberechnung nennen deutsche Patienteninformationen folgende Orientierungswerte für Erwachsene. Sie ersetzen die Zielwerte oben nicht – sie sagen nur, ab wann ein Wert überhaupt eine Frage aufwirft.
| Messgröße | Wünschenswert |
|---|---|
| Gesamtcholesterin | < 200 mg/dl (< 5,2 mmol/l)3 |
| LDL-Cholesterin | risikoabhängig, ohne Risikofaktoren < 116 mg/dl (< 3,0 mmol/l)5 |
| HDL-Cholesterin | > 40 mg/dl (> 1,0 mmol/l)4 |
| Triglyzeride | < 150 mg/dl (< 1,7 mmol/l)4 |
| Non-HDL-Cholesterin | < 130 mg/dl (< 3,4 mmol/l) bei mittlerem, < 100 (< 2,6) bei hohem, < 85 (< 2,2) bei sehr hohem Risiko2 |
Wichtig: Referenzbereiche können sich von Labor zu Labor unterscheiden. Maßgeblich ist immer der Bereich, der neben Ihrem Ergebnis gedruckt ist. Und: Ein Gesamtcholesterin von 210 mg/dl bedeutet für sich genommen wenig – entscheidend ist, wie es sich auf LDL und HDL verteilt.
mg/dl oder mmol/l – und die Falle mit dem Umrechnungsfaktor
Deutsche Laborbefunde geben die Blutfette überwiegend in mg/dl an. Die Leitlinien rechnen dagegen in mmol/l: In der DGK-Pocket-Leitlinie steht der SI-Wert an erster Stelle, der mg/dl-Wert in Klammern.5 Wer seinen Befund mit einer Leitlinientabelle vergleicht, springt also zwischen zwei Skalen – viele deutsche Labore drucken beide nebeneinander.2
Dabei lauert ein Fehler, der öfter passiert, als man denkt: Cholesterin und Triglyzeride werden nicht mit demselben Faktor umgerechnet – es sind chemisch verschiedene Moleküle mit unterschiedlicher Molmasse. Die Umrechnungstabelle eines deutschen Labors gibt an:8
| Messgröße | mg/dl → mmol/l | mmol/l → mg/dl |
|---|---|---|
| Cholesterin (gesamt, LDL, HDL, Non-HDL) | × 0,026 | × 38,66 |
| Triglyzeride | × 0,0114 | × 87,5 |
Wer den Cholesterinfaktor auf die Triglyzeride anwendet, landet um mehr als das Doppelte daneben. Zur Kontrolle: 200 mg/dl Cholesterin sind 5,2 mmol/l, 150 mg/dl Triglyzeride sind 1,7 mmol/l. Beim Blutzucker gibt es übrigens eine deutsche Besonderheit, die beim Cholesterin fehlt: Dort folgt die Einheit bis heute der Ost-West-Linie. Bei den Blutfetten ist mg/dl bundesweit üblich.
Muss man für die Blutfettwerte nüchtern sein?
Diese Frage wird in Deutschland uneinheitlich beantwortet – und die Diskrepanz ist es wert, benannt zu werden.
Die Fachgesellschaften sagen: meistens nein. Ein Konsensuspapier der European Atherosclerosis Society und der europäischen Fachgesellschaft für Labormedizin hat festgestellt, dass ein Lipidprofil nicht routinemäßig nüchtern bestimmt werden muss: Gesamtcholesterin, LDL und HDL ändern sich nach einer Mahlzeit kaum, nur die Triglyzeride steigen moderat an.6 Laut Deutschem Ärzteblatt sind Nüchternwerte vor allem nötig, wenn die Triglyzeride bei der Erstmessung über 440 mg/dl liegen.11 Deutsche Labore ziehen mit: Der LADR-Laborverbund schreibt, die „initiale Lipidbestimmung zum Risiko-Screening" könne „auch nicht-nüchtern erfolgen".10
Die Praxis sagt oft weiterhin: ja. Die Patientenseite der deutschen Lipidgesellschaft beschreibt die Cholesterinbestimmung nach wie vor als „einfache Blutentnahme (Nüchternwert)" und weist darauf hin, dass Triglyzeridwerte „mehr oder weniger direkt auf jede Mahlzeit" reagieren und nur vergleichbar sind, wenn sie unter denselben Bedingungen gemessen wurden.7 Es gibt außerdem einen sehr deutschen, sehr praktischen Grund für das Fasten: Beim Check-up 35 wird das Lipidprofil zusammen mit der Nüchternplasmaglucose abgenommen.1 Wer zu dieser Untersuchung geht, muss also ohnehin nüchtern kommen – nicht wegen des Cholesterins, sondern wegen des Blutzuckers.
Für Sie heißt das: Halten Sie sich an die Angabe auf Ihrem Laborschein. Steht dort nichts, ist eine nicht-nüchterne Abnahme für ein erstes Screening vertretbar. Und essen Sie in den Tagen davor wie sonst auch – wer die Ernährung kurzfristig „optimiert", verfälscht genau die Bestandsaufnahme, für die die Messung gedacht ist.
Ein technischer Punkt gehört dazu: Das LDL wird in vielen Laboren nicht gemessen, sondern berechnet. Diese Schätzung nach Friedewald wird unzuverlässig, wenn die Triglyzeride erhöht sind oder nicht nüchtern abgenommen wurde – weshalb Labore auf die direkte LDL-Messung umstellen10 oder auf genauere Formeln, die bei hohen Triglyzeriden und niedrigem LDL besser treffen.12
Der Check-up 35: Das Lipidprofil ist dabei
Eine oft gesuchte und erfreulich eindeutige Information. Die Gesundheitsuntersuchungs-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses sieht ab dem vollendeten 35. Lebensjahr alle drei Jahre eine allgemeine Gesundheitsuntersuchung vor. Die Blutuntersuchung besteht aus genau zwei Positionen, wörtlich: „Lipidprofil (Gesamtcholesterin, LDL-Cholesterin, HDL-Cholesterin, Triglyceride)" und „Nüchternplasmaglucose"; aus dem Urin kommt ein Harnstreifentest dazu. Zwischen 18 und 35 Jahren besteht einmalig Anspruch, die Blutwerte nur „bei entsprechendem Risikoprofil, z. B. positiver Familienanamnese, Adipositas oder Bluthochdruck".1
Die vier Blutfettwerte gehören damit zu den wenigen Laborwerten, die in Deutschland automatisch zur Vorsorge zählen – anders als das große Blutbild, das in diesem Katalog gar nicht vorkommt.
Was der LDL/HDL-Quotient noch wert ist
Auf älteren deutschen Befunden steht unter den Blutfetten ein LDL/HDL-Quotient, gelegentlich „Arteriosklerose-Risiko-Index" genannt: eine schlichte Division. Wenn Sie ihn auf Ihrem aktuellen Befund vermissen, ist das kein Versehen – deutsche Labore streichen ihn gerade. Ein sächsisches Labor begründete den Schritt damit, dass der Quotient „inzwischen als wenig bzw. nicht aussagekräftig" gilt, und ersetzte ihn durch das automatisch berechnete Non-HDL-Cholesterin.2
Der Grund ist inhaltlich: Kein europäisches Therapieziel ist je auf diesen Quotienten formuliert worden – die Ziele stehen auf dem LDL, mit Non-HDL und Apolipoprotein B als sekundären Zielgrößen.510 Und ein „guter" Quotient kann täuschen: Ein hohes HDL schönt die Division, ohne die Belastung der Arterien durch LDL-Partikel aufzuheben. Wenn Sie einen einzelnen Orientierungswert möchten, ist das Non-HDL-Cholesterin der bessere – direkt vergleichbar mit den Schwellen in der Tabelle oben.
Cholesterin zu hoch: Ursachen und Einordnung
Ein Wert über dem Ziel bedeutet nicht automatisch „falsch gegessen". Bevor man Schlüsse zieht, lohnt eine Inventur:
- Lebensstil – gesättigte Fette und Transfette heben das LDL stärker an als das Nahrungscholesterin selbst; Zucker und Alkohol treiben die Triglyzeride; Rauchen senkt das HDL; Bewegungsmangel und Übergewicht wirken auf alle drei.
- Andere Erkrankungen – allen voran eine Schilddrüsenunterfunktion, außerdem Diabetes, Nieren- und Lebererkrankungen. Wird die Grundursache behandelt, normalisiert sich das Lipidprofil manchmal von selbst.4
- Medikamente – unter anderem bestimmte Entwässerungsmittel, Betablocker, Kortison und Östrogene.4
- Die Messung selbst – Nüchternstatus, LDL-Berechnungsformel, Labormethode.10
Und dann gibt es die Situation, die viele frustriert: „Ich lebe gesund und habe trotzdem hohe Werte." Das ist plausibel – der größere Teil des Cholesterins wird in der Leber produziert, nicht gegessen. Häufig ist dabei ein niedriges HDL bei gleichzeitig hohen Triglyzeriden: die typische Signatur einer Insulinresistenz. Sie lohnt einen Blick auf Blutzucker, HbA1c – oder, wenn das HbA1c unzuverlässig ist, Fruktosamin – sowie auf Insulin und C-Peptid.
Wie verbreitet erhöhte Werte in Deutschland sind, hat das Robert Koch-Institut in der Studie DEGS1 gemessen: 56,6 % der Männer und 60,5 % der Frauen zwischen 18 und 79 Jahren lagen über dem damals empfohlenen Grenzwert von 190 mg/dl, 17,9 % beziehungsweise 20,3 % sogar bei 240 mg/dl oder darüber. Die Gesamtprävalenz einer Fettstoffwechselstörung betrug 64,5 % (Männer) und 65,7 % (Frauen) – und mehr als die Hälfte der Betroffenen wusste nichts davon.9 (Erhebung 2008–2011.)
Gibt es Symptome? Und wann wird es dringend?
Nein – erhöhte Blutfette sind stumm. Man kann jahrelang deutlich erhöhte Werte haben, ohne etwas zu spüren; genau deshalb ist die Blutentnahme sinnvoll. Sichtbare Zeichen gibt es nur bei sehr hohen, meist erblichen Formen: Xanthome (Fetteinlagerungen in Haut und Sehnen) und Xanthelasmen (gelbliche Ablagerungen am Augenlid).4 Müdigkeit, Kopfschmerzen oder Schwindel sind keine Symptome eines hohen Cholesterins.
Ein hoher Cholesterinwert ist deshalb auch kein Notfall, sondern ein Risikofaktor, den man über Jahre korrigiert. Eine Ausnahme betrifft die Triglyzeride: Eine schwere Hypertriglyzeridämie – die Leitlinie nennt für das familiäre Chylomikronämie-Syndrom Werte über 750 mg/dl (8,5 mmol/l) – kann eine Pankreatitis auslösen und gehört zeitnah ärztlich abgeklärt.5
Familiäre Hypercholesterinämie: was die deutschen Daten zeigen
Die familiäre Hypercholesterinämie (FH) ist eine der häufigsten monogenen Erbkrankheiten: Metaanalysen schätzen die weltweite Prävalenz auf 1:300 bis 1:313; erkannt ist davon derzeit nur rund ein Prozent.13 Das IQWiG nennt für Deutschland „etwa 2 bis 5 von 1.000 Menschen".3 Betroffene haben von Kindheit an ein hohes LDL, unabhängig vom Lebensstil, und ein erhöhtes Risiko für frühe Herzinfarkte. Seit 2014 sammelt das CaRe-High-Register der DACH-Gesellschaft zur Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen deutsche Patientendaten, um diese Versorgungslücke zu schließen.13
Nun die deutsche Zahl – und sie ist differenzierter, als die Schlagzeile vermuten lässt. In der bevölkerungsbasierten Hamburg City Health Study wurden 7.373 Erwachsene genetisch untersucht. Die Prävalenz einer genetisch bestätigten FH betrug 0,31 %, also 1 von 321 – exakt im Bereich der weltweiten Schätzung. Der mediane unbehandelte LDL-Wert der Betroffenen lag bei 191 mg/dl gegenüber 128 mg/dl bei den Übrigen.14
Bemerkenswert ist der zweite Befund derselben Studie: Nur etwa die Hälfte der genetisch bestätigten Fälle hatte überhaupt eine schwere Hypercholesterinämie von 190 mg/dl oder mehr – und umgekehrt trugen nur 2,3 % der Menschen mit schwer erhöhtem Cholesterin tatsächlich eine FH-Mutation. Die Autoren halten ein bevölkerungsweites genetisches Screening deshalb für fraglich.14 Für die Praxis heißt das: Ein sehr hoher Cholesterinwert ist meist nicht monogen bedingt – aber ein hoher Wert plus frühe Herzinfarkte in der Familie ist ein guter Grund, das Thema ärztlich anzusprechen. Genau darauf zielt die deutsche Leitlinie, wenn sie eine FH auch ohne weitere Risikofaktoren als „hohes Risiko" einstuft.5
Was die Werte senkt – und was nicht
Die Mittel mit der besten Beleglage sind unspektakulär und wirken über Wochen bis Monate, nicht über Tage: gesättigte Fette durch ungesättigte ersetzen (Oliven- und Rapsöl, Nüsse, fetter Seefisch), mehr lösliche Ballaststoffe, weniger Alkohol und Zucker, regelmäßige Bewegung, Rauchstopp. Die Leitlinie definiert gesunde Ernährung schlicht als „Ernährungsweise mit geringem Gehalt an gesättigten Fetten, wobei der Schwerpunkt auf Vollkornprodukten, Gemüse, Obst und Fisch liegt".5
Bemerkenswert deutlich äußert sich dieselbe Leitlinie zu Nahrungsergänzungsmitteln: Es gebe „keine überzeugenden Belege dafür, dass diese das kardiovaskuläre Risiko senken können". Für Rotschimmelreis sei bei ausgewählten Zubereitungen zwar eine cholesterinsenkende Wirkung berichtet worden, „jedoch fehlen überzeugende Belege für einen klinischen Nutzen". Die Empfehlung gehört zur stärksten Negativkategorie der Leitlinie (Klasse III).5
Reicht der Lebensstil nicht aus oder ist das Risiko von vornherein hoch, kann eine medikamentöse Therapie sinnvoll sein. Das ist eine ärztliche Entscheidung auf Basis des Gesamtrisikos, nicht einer einzelnen Zahl – beginnen oder beenden Sie eine solche Behandlung niemals in Eigenregie.
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Aktuelle Forschung
Aus aktuellen, auf PubMed indexierten Publikationen und der deutschen Fassung der Leitlinie:
- Die Risikoschätzung wurde ausgetauscht. Das Focused Update 2025 der ESC/EAS-Leitlinie ersetzt den alten SCORE-Algorithmus durch SCORE2 und SCORE2-OP – Rechner, die länderspezifisch kalibriert sind.10 Die LDL-Zielwerte selbst blieben unverändert.155
- Eine fünfte Risikokategorie ist dazugekommen. Für ein „extremes Risiko" nennt die deutsche Pocket-Leitlinie erstmals ein LDL-Ziel von unter 40 mg/dl (1,0 mmol/l).5
- Das Lipoprotein(a) rückt in die Routine. Die Messung soll mindestens einmal im Leben erwogen werden; Werte über 50 mg/dl gelten als Risikomodifikator, und RNA-basierte Wirkstoffe, die Lp(a) um 80 bis 98 % senken, werden derzeit in Studien geprüft.5
- Nüchtern ist nicht mehr die Regel. Das europäische Konsensuspapier zum nicht-nüchternen Lipidprofil hat sich weitgehend durchgesetzt – in deutschen Laboren schneller als in den Patienteninformationen.610
- Genotyp und Phänotyp fallen auseinander. Die Hamburger Bevölkerungsstudie zeigt, dass hohe Cholesterinwerte und genetisch bestätigte FH sich weit weniger überschneiden als angenommen.14
Diese Erkenntnisse betreffen Diagnostik und Risikoeinschätzung. Sie rechtfertigen keine Selbstbehandlung und ersetzen die ärztliche Beurteilung nicht.
Häufige Fragen
Welche Cholesterinwerte sind normal? Als wünschenswert gelten ein Gesamtcholesterin unter 200 mg/dl (5,2 mmol/l), ein HDL über 40 mg/dl und Triglyzeride unter 150 mg/dl.34 Für das LDL gibt es keinen einheitlichen Normalwert – der Zielwert richtet sich nach Ihrem kardiovaskulären Risiko.5
Wie hoch darf das LDL-Cholesterin sein? Je nach Risikokategorie unter 116, 100, 70, 55 oder 40 mg/dl (3,0 / 2,6 / 1,8 / 1,4 / 1,0 mmol/l).5 Ohne bekannte Risikofaktoren gilt der höchste dieser Werte; in welche Kategorie Sie gehören, wird ärztlich mit SCORE2 bestimmt.
Ändern sich die Cholesterinwerte mit dem Alter, etwa mit 60 oder 70? Die Grenzwerte werden mit den Jahren nicht großzügiger. Was sich ändert, ist die Risikokategorie – und damit sinkt der LDL-Zielwert eher, als dass er steigt.5
Muss man für die Cholesterinbestimmung nüchtern sein? Für ein erstes Screening in der Regel nicht: Die europäischen Fachgesellschaften halten das Fasten für nicht routinemäßig erforderlich.6 Nüchtern nachgemessen wird vor allem bei sehr hohen Triglyzeriden.11 Beim Check-up 35 kommen Sie wegen der Nüchternplasmaglucose ohnehin nüchtern.1
Ist das Cholesterin beim Check-up 35 dabei? Ja. Die Gesundheitsuntersuchungs-Richtlinie sieht ab 35 Jahren alle drei Jahre das vollständige Lipidprofil aus Gesamtcholesterin, LDL, HDL und Triglyzeriden vor.1
Warum steht auf meinem Befund kein LDL/HDL-Quotient mehr? Weil er als „wenig bzw. nicht aussagekräftig" gilt. Deutsche Labore ersetzen ihn durch das Non-HDL-Cholesterin, für das es echte Zielwerte gibt.2
Wie rechne ich mg/dl in mmol/l um? Für Cholesterin: mg/dl × 0,026. Für Triglyzeride: mg/dl × 0,0114 – die Faktoren sind unterschiedlich und dürfen nicht verwechselt werden.8
Macht hohes Cholesterin Beschwerden? Nein, es ist stumm. Sichtbare Zeichen wie Xanthelasmen am Augenlid treten nur bei sehr hohen, meist erblichen Formen auf.4
Helfen Nahrungsergänzungsmittel wie Rotschimmelreis? Die deutsche Pocket-Leitlinie spricht sich ausdrücklich dagegen aus: Es fehlen überzeugende Belege für einen klinischen Nutzen (Empfehlungsklasse III).5
Wie häufig ist die familiäre Hypercholesterinämie in Deutschland? In der Hamburg City Health Study war 1 von 321 Erwachsenen genetisch betroffen.14 Das IQWiG nennt 2 bis 5 von 1.000.3
Das Wichtigste in Kürze
Merken Sie sich wenige Zahlen, aber die richtigen: Gesamtcholesterin unter 200 mg/dl, HDL über 40, Triglyzeride unter 150 – und beim LDL keinen festen Normalwert, sondern einen Zielwert zwischen 116 und 40 mg/dl, der sich nach Ihrem kardiovaskulären Gesamtrisiko richtet und mit dem Alter nicht großzügiger wird. Prüfen Sie immer die Einheit und verwenden Sie für Cholesterin und Triglyzeride verschiedene Umrechnungsfaktoren. Das Lipidprofil gehört zum Check-up 35; nüchtern müssen Sie dafür nur wegen des Blutzuckers sein. Und der LDL/HDL-Quotient ist Vergangenheit – das Non-HDL-Cholesterin hat ihn abgelöst.
Kein einzelner Wert erzählt die ganze Geschichte: Erst Gesamtcholesterin, LDL, HDL, Triglyzeride, Apolipoprotein B und Lipoprotein(a) zusammen – und Ihr persönlicher Kontext – ergeben ein Bild. Genau dabei hilft AI DiagMe, ergänzend zu Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
Quellen
Deutsche Fachgesellschaften, Richtliniengeber und Laboratorien sowie wissenschaftliche Publikationen (PubMed):
Footnotes
-
Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA) – Richtlinie über die Gesundheitsuntersuchungen zur Früherkennung von Krankheiten (Gesundheitsuntersuchungs-Richtlinie), Anlage 1 Nr. 3 „Labor": Anspruch alle drei Jahre ab Vollendung des 35. Lebensjahres, einmalig zwischen 18 und 35 Jahren bei entsprechendem Risikoprofil; Laborleistungen „Lipidprofil (Gesamtcholesterin, LDL-Cholesterin, HDL-Cholesterin, Triglyceride)" und „Nüchternplasmaglucose" sowie Harnstreifentest. g-ba.de ↩ ↩2 ↩3 ↩4 ↩5 ↩6
-
Labor Ostsachsen (IMD Laborverbund) – Non-HDL-Cholesterin-Berechnung und Wegfall der Angabe des LDL/HDL-Quotienten, 10. Juli 2023: Begründung des Wegfalls („wenig bzw. nicht aussagekräftig"), automatische Berechnung des Non-HDL-Cholesterins, Zielwerte < 130 / < 100 / < 85 mg/dl (< 3,4 / < 2,6 / < 2,2 mmol/l). labor-ostsachsen.de ↩ ↩2 ↩3 ↩4 ↩5 ↩6 ↩7
-
IQWiG / Gesundheitsinformation.de – Cholesterin, Stand 20. März 2025: Referenzbereich Gesamtcholesterin unter 200 mg/dl bzw. 5,17 mmol/l für Erwachsene, Abhängigkeit der angestrebten Werte vom persönlichen Risiko, familiäre Hypercholesterinämie bei etwa 2 bis 5 von 1.000 Menschen. gesundheitsinformation.de ↩ ↩2 ↩3 ↩4 ↩5
-
Deximed – Deutsche Experteninformation Medizin, Patienteninformation Hohe Blutfettwerte (Hyperlipidämie), revidiert am 30. Januar 2024: Referenzwerte in mg/dl und mmol/l, sekundäre Ursachen (Hypothyreose, Diabetes, Nieren- und Lebererkrankungen, Übergewicht) und auslösende Medikamente, Xanthome und Xanthelasmen, Nüchternheit für Triglyzeride. deximed.de ↩ ↩2 ↩3 ↩4 ↩5 ↩6 ↩7 ↩8
-
Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK) – Pocket-Leitlinie: Dyslipidämien (Focused Update 2025), deutsche Kurzfassung des ESC/EAS Focused Update (Laufs U, Husser O, Landmesser U, Lüdike P, März W, Schirmer SH, Wassmann S): fünf Risikokategorien mit LDL-C-Zielwerten von < 3,0 bis < 1,0 mmol/l (< 116 bis < 40 mg/dl), SCORE2/SCORE2-OP, Risikomodifikatoren, Lp(a) mindestens einmal im Leben und Schwelle > 50 mg/dl (105 nmol/l), Hypertriglyzeridämie und Pankreatitisrisiko, Empfehlung Klasse III zu Nahrungsergänzungsmitteln und Rotschimmelreis. herzmedizin.de ↩ ↩2 ↩3 ↩4 ↩5 ↩6 ↩7 ↩8 ↩9 ↩10 ↩11 ↩12 ↩13 ↩14 ↩15 ↩16 ↩17 ↩18 ↩19 ↩20
-
Nordestgaard BG, Langsted A, Mora S et al. Fasting is not routinely required for determination of a lipid profile: clinical and laboratory implications including flagging at desirable concentration cut-points – a joint consensus statement from the European Atherosclerosis Society and European Federation of Clinical Chemistry and Laboratory Medicine. European Heart Journal, 2016. PubMed · DOI ↩ ↩2 ↩3 ↩4
-
Deutsche Gesellschaft für Lipidologie e. V. (DGFL) – Lipid-Liga, Patienteninformationen: Bestimmung des Cholesterinwerts als „einfache Blutentnahme (Nüchternwert)", Abhängigkeit der Triglyzeridwerte von jeder Mahlzeit, risikoabhängige LDL-Zielwerte. lipid-liga.de ↩ ↩2
-
IMD Institut für Medizinische Diagnostik Potsdam – Umrechnungstabellen des Leistungsverzeichnisses: Cholesterin mg/dl × 0,026 = mmol/l bzw. mmol/l × 38,66 = mg/dl; Triglyzeride mg/dl × 0,0114 = mmol/l bzw. mmol/l × 87,5 = mg/dl. imd-potsdam.de ↩ ↩2 ↩3
-
Scheidt-Nave C, Du Y, Knopf H, Schienkiewitz A, Ziese T, Nowossadeck E, Gößwald A, Busch MA. Verbreitung von Fettstoffwechselstörungen bei Erwachsenen in Deutschland. Ergebnisse der Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland (DEGS1). Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz, 2013; 56: 661–667. PubMed · DOI ↩ ↩2
-
LADR – Der Laborverbund Dr. Kramer & Kollegen, Fachinformation LDL-Cholesterin: so niedrig wie möglich: LDL-C-, Non-HDL-C- und ApoB-Zielwerte je Risikokategorie in mg/dl und mmol/l, Risikoberechnung mit SCORE2/SCORE2-OP, nicht-nüchterne initiale Lipidbestimmung, Einschränkungen der Friedewald-Formel und direkte LDL-Messung, Lp(a) ≥ 50 mg/dl (≥ 105 nmol/l). ladr.de ↩ ↩2 ↩3 ↩4 ↩5 ↩6 ↩7
-
Deutsches Ärzteblatt – Fachgesellschaften: Nüchterner Magen für Lipidprofil nicht mehr erforderlich: Zusammenfassung des EFLM/EAS-Konsensuspapiers, Nüchternmessung insbesondere bei Triglyzeriden über 440 mg/dl bei der Erstuntersuchung. aerzteblatt.de ↩ ↩2
-
Sampson M, Ling C, Sun Q et al. A New Equation for Calculation of Low-Density Lipoprotein Cholesterol in Patients With Normolipidemia and/or Hypertriglyceridemia. JAMA Cardiology, 2020. PubMed · DOI ↩
-
DACH-Gesellschaft Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen e. V. – Wie verbreitet ist die Familiäre Hypercholesterinämie? (Baums C, September 2020) und Angaben zum CaRe High Register (seit 2014): globale Prävalenz etwa 1:300 bis 1:313, derzeit nur rund 1 % der Betroffenen erkannt, 10- bis 18-fach höhere Prävalenz bei bestehender atherosklerotischer Herz-Kreislauf-Erkrankung. dach-praevention.eu ↩ ↩2
-
Riccio C, Arnold N, Koliopanos G, Link V, Guo L, Betschart RO, Zeller T, Blankenberg S, Ziegler A, Twerenbold R. Familial Hypercholesterolemia: Prevalence and Discrepancy between Genotype and Phenotype. Findings of the Population-based Hamburg City Health Study. Deutsches Ärzteblatt International, 2025; 122: 511–516. PubMed · DOI ↩ ↩2 ↩3 ↩4
-
Mach F, Koskinas KC, Roeters van Lennep JE, Tokgözoğlu L et al. 2025 Focused Update of the 2019 ESC/EAS Guidelines for the management of dyslipidaemias. European Heart Journal, 2025. PubMed · DOI ↩