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Nierenwerte: Tabelle, Normalwerte, GFR und Kreatinin

Nierenwerte-Tabelle: GFR ab 90 normal, unter 60 auffällig. Warum die eGFR nur geschätzt ist, wie Muskelmasse sie verzerrt und was beim Check-up 35 fehlt.

Publié le August 12, 202616 min de lectureRédigé par l'Équipe Blood Analysis · Relu et vérifié par Julien Priour

Unter Nierenwerten versteht man die Laborwerte, die zeigen, wie gut die Nieren filtern. Auf dem Befund stehen meist zwei Zahlen nebeneinander: das Kreatinin und die eGFR. Die zweite ist die wichtigere – und die missverständlichste, denn sie wurde nie gemessen. Sie wurde aus dem Kreatinin berechnet, mit einer Formel, die Alter und Geschlecht kennt, aber nicht Ihre Muskeln. Daraus entstehen die zwei häufigsten Fehldeutungen: Bei einer schlanken 85-Jährigen sieht die Nierenfunktion besser aus, als sie ist; bei einem muskulösen Kraftsportler schlechter. Dieser Ratgeber erklärt, welche Nierenwerte normal sind, was die Stadien G1 bis G5 bedeuten – und warum das Kreatinin beim gesetzlichen Check-up seit 1999 gar nicht mehr vorgesehen ist.

Auf einen Blick

  • eGFR ab 90 ml/min/1,73 m² gilt als normal; unter 60 über mehr als 3 Monate spricht man von einer chronischen Nierenkrankheit (CKD).12
  • Kreatinin (Plasma, Erwachsene): Frauen ≈ 45–84 µmol/l (≈ 0,51–0,95 mg/dl), Männer ≈ 59–104 µmol/l (≈ 0,67–1,18 mg/dl) – laborabhängig.3
  • Die eGFR ist eine Schätzung, keine Messung. Deutsche Labore rechnen überwiegend mit der CKD-EPI-Formel von 2021, in der der Faktor „Rasse" nicht mehr enthalten ist.14
  • Wie stark die Formel zählt: In derselben deutschen Stichprobe schwankte der Anteil mit eGFR < 60 je nach Gleichung zwischen 2,1 % und 6,9 %.5
  • Die Diagnose läuft über zwei Achsen: Filtrationsleistung (G1–G5) und Eiweißverlust im Urin (A1–A3).26
  • Kreatinin gehört seit 1999 nicht mehr zum Leistungsumfang der Gesundheitsuntersuchung ab 35.71
  • Cystatin C ist unabhängiger von der Muskelmasse, in der Hausarztpraxis aber unüblich – auch, weil es rund 24-mal teurer ist.1
  • Eine einzelne auffällige Zahl ist keine Diagnose: Die Leitlinie verlangt eine zweite Bestimmung nach 3 Monaten.1

Welche Werte zu den Nierenwerten zählen

Die Nieren entfernen Stoffwechselabfälle, regeln Wasser- und Salzhaushalt, beeinflussen den Blutdruck und sind an der Blutbildung beteiligt. Kein einzelner Laborwert bildet das ab. Deshalb ist „Nierenwerte" ein Bündel – jeder Wert darin beantwortet eine andere Frage.

Kreatinin – der Abfallstoff der Muskeln

Kreatinin entsteht gleichmäßig beim Muskelstoffwechsel und wird über die Nieren ausgeschieden. Filtert die Niere schlechter, staut es sich an. So einfach – und so tückisch. Die deutsche S3-Leitlinie formuliert es offen: Kreatinin sei „ein zur Abschätzung der Nierenfunktion nicht optimal geeigneter Parameter, weil er erst spät bei eingeschränkter Nierenfunktion ansteigt und von Alter, Geschlecht, Muskelmasse und anderen Faktoren abhängig ist".1 Mehr im Ratgeber Kreatinin.

eGFR – die berechnete Filtrationsleistung

Die glomeruläre Filtrationsrate beschreibt, wie viel Blutplasma die Nieren pro Minute reinigen, normiert auf 1,73 m² Körperoberfläche. Sie direkt zu messen bleibt Speziallaboren vorbehalten; im Alltag wird sie geschätzt – daher das kleine „e" für estimated. Das Labor berechnet sie automatisch mit, sobald ein Kreatinin angefordert wird.1

Harnstoff – der Abfallstoff der Eiweiße

Harnstoff entsteht beim Eiweißabbau in der Leber und wird ebenfalls renal ausgeschieden. Er reagiert stark auf Ernährung und Flüssigkeitshaushalt und ist deshalb kein diagnostisches Kriterium der CKD – die deutsche Leitlinie verzichtet bewusst darauf, ihn bei Erstdiagnose zu empfehlen.1 Details im Ratgeber Harnstoff.

Cystatin C – der Wert ohne Muskelproblem

Cystatin C ist ein kleines Eiweiß, das alle Körperzellen abgeben und das die Niere filtert. Sein Vorteil: Es wird deutlich weniger von Muskelmasse, Ernährung und Geschlecht beeinflusst.1 Genau deshalb ist es dort interessant, wo Kreatinin versagt – siehe Cystatin C.

Albumin im Urin – das früheste Signal

Ein intaktes Nierenkörperchen lässt das Bluteiweiß Albumin nicht durch. Taucht es im Urin auf, ist das ein Hinweis auf einen glomerulären Schaden – oft bevor die eGFR fällt.1 Gemessen wird die Albumin-Kreatinin-Ratio (UACR) im Spontanurin, siehe Albumin im Urin. Häufig steht auf demselben Befund noch die Harnsäure – ein Nachbarwert, kein Nierenwert im engeren Sinn.

Nierenwerte-Tabelle: Normalwerte für Erwachsene

Die folgenden Referenzbereiche stammen aus dem Leistungsverzeichnis der Zentralen Einrichtung Klinische Chemie des Universitätsklinikums Ulm; die eGFR- und UACR-Grenzen folgen der Klassifikation nach KDIGO.32

WertReferenzbereich ErwachseneWas er zeigt
Kreatinin – Frauen45–84 µmol/l (≈ 0,51–0,95 mg/dl)Muskelabbauprodukt, renal ausgeschieden
Kreatinin – Männer59–104 µmol/l (≈ 0,67–1,18 mg/dl)höher, weil mehr Muskelmasse
eGFR≥ 90 ml/min/1,73 m² (Stadium G1)berechnete Filtrationsleistung
Harnstoff – Frauen2,6–6,7 mmol/l bis 50 J., 3,5–7,2 danachEiweißabbau, ernährungsabhängig
Harnstoff – Männer3,2–7,3 mmol/l bis 50 J., 3,0–9,2 danachdito
Cystatin C0,61–0,95 mg/l (18–77 Jahre)Filtration, muskelunabhängig
UACR (Urin)< 30 mg/g Kreatinin (Stadium A1)Eiweißverlust über den Filter

Achtung bei den Einheiten. Ulm gibt das Kreatinin in µmol/l an, viele andere deutsche Labore in mg/dl – die CKD-EPI-Formel der Leitlinie rechnet ebenfalls in mg/dl.13 Zum Umrechnen: µmol/l ÷ 88,4 = mg/dl. Prüfen Sie also zuerst die Einheit Ihres Befunds, bevor Sie ihn mit einer Tabelle vergleichen – und beachten Sie, dass Referenzbereiche je nach Messverfahren zwischen Laboren abweichen.

Warum die eGFR eine Schätzung ist – und was das ändert

Das ist der Kern dieses Themas, und er wird selten deutlich genug gesagt: Die eGFR auf Ihrem Befund wurde nicht gemessen. Sie wurde gerechnet.

Die deutsche S3-Leitlinie nennt die Gleichung ausdrücklich: „Heute wird die Verwendung der CKD-EPI Formel empfohlen und von den meisten Laboren verwendet. Die neue CKD-EPI-Formel (2021) berücksichtigt nur Alter, Geschlecht und Kreatinin."1 Es gehen also genau drei Größen ein. Was nicht eingeht: Ihre Muskelmasse, Ihre Ernährung, Ihr Trainingszustand, Ihr Körperbau.

Der Muskelfehler – in beide Richtungen

Weil Kreatinin aus Muskeln stammt, erzeugt dieselbe Filtrationsleistung bei verschiedenen Menschen verschiedene Kreatininspiegel. Die Formel weiß davon nichts. Das Ergebnis ist ein systematischer Fehler mit zwei Vorzeichen:

  • Bei wenig Muskelmasse – hohes Alter, Gebrechlichkeit, Kachexie, Lähmung, nach Amputation – ist das Kreatinin niedrig. Die Formel liest das als gute Filtration und überschätzt die Nierenfunktion.
  • Bei viel Muskelmasse – Kraftsport, Bodybuilding – ist das Kreatinin hoch. Die Formel unterschätzt die Nierenfunktion, obwohl die Nieren einwandfrei arbeiten.

Die Leitlinie listet diese Fehlerquellen in einer eigenen Tabelle auf: sehr hohes Alter, sehr viel oder sehr wenig Muskelmasse, stark abweichende Körpermaße, eiweißreiche Ernährung und Kreatin-Supplemente, Muskelerkrankungen, bestimmte Medikamente sowie Störungen der Messung durch Bilirubin, Glukose oder Ketone.1 Wer vor der Blutentnahme intensiv trainiert, viel Fleisch isst oder Kreatin nimmt, verschiebt nicht seine Nierenfunktion – sondern nur die Zahl.

Der Faktor „Rasse" ist weg – auch in Deutschland

Ältere Formeln enthielten einen Korrekturfaktor für Menschen, die sich in Nordamerika selbst als afroamerikanisch bezeichneten. Die deutsche Leitlinie begründet die Abkehr klar: Da „das Rassenkonzept aus biologischer Sicht nicht haltbar ist" und der Einfluss ohnehin „marginal" sei, werde „Rasse in der aktuellen CKD-EPI-Formel nicht mehr berücksichtigt".1 Die zugrunde liegende Neuentwicklung wurde 2021 publiziert.4 Wer einen älteren Befund vergleicht, stößt also womöglich auf eine Zahl, die nach anderen Regeln entstand.

Wie stark die Formelwahl wirkt – an deutschen Daten

Eine Arbeit auf Basis der DEGS1-Erhebung des Robert Koch-Instituts rechnete für dieselben 7 001 Teilnehmenden die eGFR mit sechs Gleichungen aus. Der Anteil mit einer Filtrationsleistung unter 60 ml/min/1,73 m² lag je nach Formel zwischen 2,1 % und 6,9 %.5 Dieselben Menschen, dasselbe Blut, mehr als der dreifache Anteil „auffälliger" Befunde – Gleichungen mit Cystatin C ergaben dabei durchgängig niedrigere Werte.

Selbst die Bezugsgröße ist historisch, nicht biologisch: 1,73 m² war 1927 die durchschnittliche Körperoberfläche Erwachsener in den USA – in Deutschland liegt sie heute bei Frauen bei etwa 1,6 m², bei Männern bei 1,9 m². Umgerechnet wird trotzdem nicht, und die Leitlinie empfiehlt das ausdrücklich auch nicht.1

Nichts davon macht die eGFR unbrauchbar – sie ist der beste Wert, den die Routine hat. Aber sie ist eine Schätzung mit bekannter Streubreite, und das ändert, wie man einen Grenzbefund liest.

Die KDIGO-Stadien: G1–G5 und A1–A3

Eine chronische Nierenkrankheit liegt vor, wenn Struktur oder Funktion der Nieren länger als drei Monate verändert sind und dies die Gesundheit beeinflusst.28 Klassifiziert wird nach zwei Achsen.

Achse 1 – die Filtrationsleistung (G-Stadien):1

StadiumeGFR (ml/min/1,73 m²)Bezeichnung
G1≥ 90normal oder hoch
G260–89leichtgradig eingeschränkt
G3a45–59leicht- bis mäßiggradig eingeschränkt
G3b30–44mäßig- bis hochgradig eingeschränkt
G415–29hochgradig eingeschränkt
G5< 15Nierenversagen

Achse 2 – der Eiweißverlust (A-Stadien), gemessen als UACR:1

StadiumUACR (mg/g)UACR (mg/mmol)Bezeichnung
A1< 30< 3normal bis leicht erhöht
A230–3003–30mäßig erhöht
A3> 300> 30stark erhöht

Drei Punkte, die auf keiner Tabelle stehen.

Erstens: G1 und G2 sind für sich genommen keine Krankheit. Ohne Anhaltspunkte für einen Nierenschaden entsprechen sie nicht der Definition einer Nierenkrankheit.1 Eine eGFR von 75 auf einem sonst unauffälligen Befund ist also zunächst nur eine Zahl.

Zweitens: Beide Achsen zusammen bestimmen das Risiko. Große Individualdaten-Metaanalysen zeigen, dass eine niedrige eGFR und eine erhöhte Albuminausscheidung sich in ihrer Vorhersagekraft ergänzen.6 Wer nur das Kreatinin bestimmt, sieht die halbe Information. Die aktualisierte deutsche Leitlinie hat die UACR auch deshalb aufgewertet, weil sie mit darüber entscheidet, wem eine nierenschützende Therapie angeboten wird.19

Drittens: Es gibt keine Altersanpassung. Die KDIGO-Einteilung kennt keine altersadjustierten Grenzen – und das hat Folgen. Die Berlin Initiative Study der Charité verfolgte 2 069 zu Hause lebende Menschen ab 70 Jahren über median gut sechs Jahre. Die modellierte mittlere eGFR lag bei Männern ab 79 und bei Frauen ab 78 Jahren unter 60 ml/min/1,73 m².10 Im hohen Alter ist ein Wert unter der CKD-Schwelle also eher Regel als Ausnahme – zumal die Wahl der Gleichung gerade bei Älteren ins Gewicht fällt.11 Der wichtigste Bezugspunkt bleibt deshalb nicht die Tabelle, sondern Ihr eigener Vorwert.

Nierenwerte beim Check-up 35: die Lücke, die kaum jemand kennt

Viele erwarten, dass die gesetzliche Gesundheitsuntersuchung ab 35 die Nieren mit abdeckt. Die Gesundheitsuntersuchungs-Richtlinie des Gemeinsamen Bundesausschusses sieht aus dem Blut aber exakt zwei Positionen vor: das Lipidprofil (Gesamtcholesterin, LDL, HDL, Triglyceride) und die Nüchternplasmaglucose. Aus dem Urin kommt ein Harnstreifentest auf Eiweiß, Glucose, Erythrozyten, Leukozyten und Nitrit hinzu.7

Kreatinin steht nicht darauf. Die S3-Leitlinie ist hier sehr präzise: Die Bestimmung des Serumkreatinins gehöre „seit 1999 nicht mehr" zum Leistungsumfang – und ergänzt eine Beobachtung aus der Praxis: „Erfahrungsgemäß wird von den meisten Ärzt*innen bei der Blutentnahme im Rahmen der Gesundheitsuntersuchung trotzdem eine Bestimmung des Serumkreatinins zu Lasten des Laborbudgets durchgeführt."1 Steht auf Ihrem Check-up-Befund ein Kreatinin, ist das eine Entscheidung Ihrer Praxis, keine Vorgabe des Katalogs.

Der eine nierenrelevante Punkt im Katalog ist der Eiweiß-Teststreifen – und dessen Grenzen sind gut untersucht. Sein positiv prädiktiver Wert liegt bei nur 27 % (95 %-KI 25–29 %), er produziert also sehr viele falsch positive Befunde; sein negativ prädiktiver Wert ist mit 97,6 % dagegen hoch.1 Übersetzt: Ein unauffälliger Streifen beruhigt ziemlich zuverlässig, ein auffälliger ist vor allem ein Anlass zur Kontrolle mit der genaueren UACR – keine Diagnose.

Bemerkenswert ist auch, was die Leitlinie nicht empfiehlt: Bei asymptomatischen Erwachsenen ohne Risikofaktoren solle kein Screening auf chronische Nierenkrankheit erfolgen.1 Anders bei Risikogruppen: Bei Diabetes mellitus soll die eGFR einmal jährlich bestimmt werden – in den Disease-Management-Programmen verbindlich verankert. Bei Erstdiagnose eines Bluthochdrucks soll ein Serumkreatinin mit eGFR erfolgen, bei einer eGFR unter 60 zusätzlich eine Urinuntersuchung auf Albumin und Kreatinin.1 Wer Blutzucker und HbA1c regelmäßig kontrollieren lässt, sollte die Nierenwerte also mitführen.

Nierenwerte erhöht: was dahinterstecken kann

Ein erhöhtes Kreatinin oder eine gesunkene eGFR bedeutet zunächst nur: In diesem Moment kam weniger Filtrat zustande, oder es fiel mehr Kreatinin an. Die häufigsten Erklärungen:

  • Flüssigkeitsmangel – die klassische, meist rasch reversible Ursache.
  • Viel Muskelmasse, intensives Training kurz vor der Entnahme, eiweißreiche Mahlzeit oder Kreatin-Supplemente – die Zahl steigt, die Niere ist unverändert.1
  • Chronische Nierenkrankheit, meist auf dem Boden von Diabetes und Bluthochdruck – in der DEGS1-Auswertung des RKI die stärksten Determinanten.12
  • Bestimmte Medikamente, darunter Schmerzmittel; das IQWiG nennt sie ausdrücklich als Risikofaktor.8 Ändern oder beenden Sie deshalb niemals eigenmächtig ein verordnetes Medikament.
  • Eine akute Nierenschädigung oder ein Abflusshindernis in den Harnwegen – seltener, aber der Grund, warum eine rasch steigende Kurve anders gewichtet wird als ein stabiler Wert.

Die wichtigste Frage lautet deshalb nie „Wie hoch?", sondern „Im Vergleich wozu?". Die Leitlinie zieht daraus eine klare Konsequenz: Bei einer erstmals festgestellten eGFR unter 60 soll nach 3 Monaten erneut gemessen werden, bevor überhaupt von einer CKD gesprochen wird.1

Wie häufig ist das in Deutschland – und warum die Zahlen auseinandergehen

Hier lohnt Ehrlichkeit über die Quellenlage, denn die kursierenden Zahlen widersprechen sich scheinbar.

  • Die repräsentative Messung: In DEGS1, dem bundesweiten Untersuchungssurvey des Robert Koch-Instituts, hatten 2,3 % der 18- bis 79-Jährigen eine eGFR unter 60 ml/min/1,73 m² – hochgerechnet mindestens 2 Millionen Menschen. Gleichzeitig wiesen 11,5 % eine Albuminausscheidung von mindestens 30 mg/l auf.12
  • Die Diagnosen aus der Abrechnung: Laut Versorgungsatlas des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung stieg der Anteil dokumentierter Fälle bei den ab 40-Jährigen von 4,43 % (2013) auf 7,07 % (2022) – rund 2,94 Millionen Versicherte, mit den höchsten Werten in Sachsen-Anhalt, Sachsen, Thüringen und Brandenburg.13
  • Die Schätzung der Fachgesellschaften: DGfN und IQWiG nennen 8 bis 10 Millionen beziehungsweise „etwa neun Millionen" Betroffene.98

Der Widerspruch löst sich auf, sobald man fragt, was jeweils gezählt wurde: nur die Filtration oder auch die Albuminurie, gemessene oder ärztlich dokumentierte Fälle, welche Altersgruppe – und, wie oben gezeigt, welche Formel. Die DEGS1-Autoren zogen ausdrücklich den Schluss, dass die Erkrankung in Deutschland seltener ist, als es die zuvor gern übertragenen amerikanischen Zahlen nahelegten12 – ein guter Grund, Prozentzahlen aus anderen Gesundheitssystemen nicht ungeprüft zu übernehmen.

Unstrittig ist der Trend nach oben, getrieben von Alterung, Diabetes und Bluthochdruck. Der Anteil mit Nierenersatztherapie bleibt klein: Rund 84 136 Menschen waren 2019 dauerhaft dialysepflichtig, etwa 0,1 % der Bevölkerung.1

Warum Kreatinin allein nicht reicht – und wo Cystatin C hilft

Daraus folgt: Ein Nierenwert ist kein Nierenbefund. Kreatinin steigt spät und hängt an den Muskeln, die eGFR erbt diesen Fehler, Harnstoff schwankt mit Ernährung und Trinkmenge – und die Albuminurie kann auffällig sein, während die eGFR noch tadellos aussieht.

Wo die kreatininbasierte Schätzung erkennbar unzuverlässig wird – bei extremem Übergewicht, ausgeprägtem Muskelschwund, nach Amputation oder in der Schwangerschaft –, kommt Cystatin C ins Spiel. KDIGO empfiehlt es im Einzelfall, wenn Gründe bestehen, der kreatininbasierten eGFR zu misstrauen, und wenn das therapeutische Konsequenzen hätte.12 Warum es trotzdem selten angefordert wird, beziffert die deutsche Leitlinie konkret: Cystatin C schlägt nach EBM mit 9,70 € zu Buche, Kreatinin mit 0,40 € (Stand 2024) – rund das 24-Fache.1

Ein Blick über den Tellerrand lohnt: Bei fortgeschrittener Nierenkrankheit ist eine Blutarmut häufig, weshalb ein großes Blutbild mit Hämoglobin, Hämatokrit und Erythrozyten oft zur Erstabklärung gehört. Auch der Cholesterinwert wird mitbeurteilt, weil das kardiovaskuläre Risiko bei eingeschränkter Nierenfunktion steigt.1

Wann Sie ärztlichen Rat suchen sollten

Eine chronische Nierenkrankheit „fällt oft erst auf, wenn sie bereits fortgeschritten ist" – das IQWiG formuliert es genau so.8 Symptome sind also ein später, kein früher Wegweiser. Sprechen Sie Ihre Praxis an, wenn ein Nierenwert außerhalb des Referenzbereichs liegt, und besonders dann, wenn Beschwerden dazukommen: Schwellungen, Übelkeit, anhaltende Müdigkeit, Atemnot, Konzentrationsstörungen oder eine deutliche Veränderung von Menge oder Aussehen des Urins.8 Wer Diabetes oder Bluthochdruck hat, sollte die Nierenfunktion regelmäßig kontrollieren lassen – auch ohne jede Beschwerde.81 Was ein auffälliger Wert dagegen nicht rechtfertigt: eigenmächtige Änderungen an Medikamenten, „Entgiftungskuren" oder Nierentees.

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Ein Nierenwert liest sich nie allein. Die eGFR ist eine Schätzung aus Ihrem Kreatinin – ihre Bedeutung hängt von Ihrer Muskelmasse ab, von Albumin im Urin, von Harnstoff und gegebenenfalls Cystatin C, und vor allem von Ihren früheren Werten.

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Aktuelle Forschung

Aus aktuellen, auf PubMed indexierten Publikationen und der deutschen S3-Leitlinie:

  • Die Formel ohne Ethnizitätsfaktor hat sich durchgesetzt. Die 2021 publizierte CKD-EPI-Gleichung kommt ohne die Variable „Rasse" aus4 – die deutsche Leitlinie hat sie übernommen.1
  • Die Wahl der Gleichung verschiebt ganze Prävalenzen. An denselben deutschen DEGS1-Daten schwankte der Anteil mit eGFR < 60 zwischen 2,1 % und 6,9 %;5 für ältere Menschen wurde die Tragweite früh diskutiert.11
  • Der Abfall im Alter verläuft nicht linear. Die Berlin Initiative Study zeigte eine mit steigendem Alter langsamer werdende eGFR-Abnahme – ein Muster, das sich erst mit Cystatin-C-basierten Gleichungen zeigte.10
  • Zwei Achsen sagen mehr als eine. Individualdaten-Metaanalysen bestätigen, dass eGFR und Albuminurie das Risiko additiv abbilden;6 KDIGO 2024 hat die Klassifikation entsprechend bestätigt.2
  • Cystatin C wird methodisch aufgewertet. 2023 wurde eine Gleichung vorgestellt, die die GFR ohne Angaben zu Geschlecht und Herkunft allein aus Cystatin C schätzt.14

Diese Erkenntnisse betreffen Diagnostik und Einordnung. Sie rechtfertigen keine Selbstbehandlung und ersetzen die ärztliche Beurteilung nicht.

Häufige Fragen

Welche Nierenwerte sind normal? Normal sind eine eGFR ab 90 ml/min/1,73 m² (Stadium G1) und eine UACR unter 30 mg/g.2 Für Kreatinin nennt ein deutsches Universitätslabor 45–84 µmol/l bei Frauen und 59–104 µmol/l bei Männern – maßgeblich ist Ihr Befund.3

Was bedeutet die GFR auf meinem Laborzettel? Sie schätzt, wie viel Blutplasma Ihre Nieren pro Minute reinigen. Berechnet wird sie in Deutschland überwiegend mit der CKD-EPI-Formel von 2021 aus Kreatinin, Alter und Geschlecht – gemessen wurde sie nicht.1

Ab welchem Wert spricht man von einer Nierenkrankheit? Ab einer eGFR unter 60 ml/min/1,73 m² und/oder einer UACR über 30 mg/g, jeweils über mehr als 3 Monate.12 Deshalb soll ein erster auffälliger Wert nach drei Monaten kontrolliert werden.

Warum ist meine GFR niedrig, obwohl ich gesund bin? Zwei häufige Erklärungen: viel Muskelmasse (Kraftsport) oder ein hohes Lebensalter. In der Berliner BIS-Kohorte lag die mittlere eGFR bei Männern ab 79 und Frauen ab 78 Jahren rechnerisch unter 60 – ohne dass daraus automatisch eine Krankheit folgt.101

Sind Nierenwerte beim Check-up 35 dabei? Nicht aus dem Blut. Die Gesundheitsuntersuchungs-Richtlinie sieht nur Lipidprofil und Nüchternplasmaglucose vor; nierenrelevant ist allein der Harnstreifentest auf Eiweiß.7 Kreatinin gehört seit 1999 nicht mehr dazu, wird von vielen Praxen aber trotzdem mitbestimmt.1

Was sagt Albumin im Urin aus, wenn die GFR normal ist? Es kann ein frühes Zeichen einer Nierenschädigung sein, das der eGFR-Abnahme vorausgeht.1 Beide ergänzen sich in der Risikoabschätzung – eine Achse allein genügt nicht.6

Wann ist Cystatin C sinnvoll? Wenn die kreatininbasierte Schätzung unzuverlässig ist: bei extremen Körpermaßen, starkem Muskelschwund, nach Amputation oder in der Schwangerschaft – und wenn das Ergebnis therapeutische Konsequenzen hätte.12

Kann Sport meinen Nierenwert verfälschen? Ja. Intensive Belastung kurz vor der Blutentnahme, eine sehr eiweißreiche Mahlzeit und Kreatin-Supplemente erhöhen das Kreatinin, ohne dass sich die Nierenfunktion ändert.1 Erwähnen Sie das bei der Befundbesprechung.

Wie kann ich meine Nierenwerte verbessern? Nicht der Wert wird behandelt, sondern seine Ursache – vor allem Blutdruck und Blutzucker. Ausreichend, aber nicht übermäßig trinken. Und keine Medikamente eigenmächtig absetzen oder ansetzen.

Das Wichtigste in Kürze

Wenige Zahlen lohnen sich: eGFR ab 90 ist normal; unter 60 über mehr als drei Monate definiert zusammen mit einer UACR über 30 mg/g die chronische Nierenkrankheit, eingeteilt in die Stadien G1 bis G5. Wichtiger als jede dieser Zahlen ist aber, wie sie zustande kommt: Die eGFR ist eine Schätzung aus dem Kreatinin – sie kennt Ihr Alter und Ihr Geschlecht, aber nicht Ihre Muskeln, und sie fällt je nach Formel messbar unterschiedlich aus. Deshalb sagt der Vergleich mit Ihrem eigenen Vorwert mehr als der mit einer Tabelle, deshalb gehören Filtration und Albuminurie zusammen, und deshalb ist ein einzelner auffälliger Wert ein Anlass zur Kontrolle, keine Diagnose. Den Sinn ergibt erst das Gesamtbild – genau dabei hilft AI DiagMe, ergänzend zu Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.

Quellen

Deutsche Fachgesellschaften, Richtliniengeber und Institutionen sowie wissenschaftliche Publikationen (PubMed):

Footnotes

  1. DEGAM und Deutsche Gesellschaft für Nephrologie (DGfN) – S3-Leitlinie: Versorgung von Patientinnen mit chronischer, nicht-nierenersatztherapiepflichtiger Nierenkrankheit in der Hausarztpraxis*, AWMF-Register-Nr. 053-048, Version 2.0 (Stand 11/2024): Empfehlung zur CKD-EPI-Formel 2021 und Wegfall des Faktors „Rasse", Tabelle 7 (Fehlerquellen der eGFR-Bestimmung), GFR-Stadien G1–G5 und Albuminurie-Stadien A1–A3, Kontrolle nach 3 Monaten, kein Screening bei Asymptomatischen ohne Risikofaktoren, jährliche eGFR bei Diabetes, Vorgehen bei Erstdiagnose Bluthochdruck, Wegfall des Serumkreatinins aus der Gesundheitsuntersuchung seit 1999, prädiktive Werte des Eiweiß-Teststreifens, Cystatin-C-Kosten nach EBM, Normierung auf 1,73 m², Dialysezahlen. register.awmf.org 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38

  2. Kidney Disease: Improving Global Outcomes (KDIGO) CKD Work Group. KDIGO 2024 Clinical Practice Guideline for the Evaluation and Management of Chronic Kidney Disease. Kidney International, 2024. PubMed · DOI 2 3 4 5 6 7 8 9

  3. Universitätsklinikum Ulm, Zentrale Einrichtung Klinische Chemie – Leistungsverzeichnisse Kreatinin, Harnstoff und Cystatin C: Referenzbereiche für Erwachsene, Einheiten und Umrechnungsfaktoren. uniklinik-ulm.de 2 3 4

  4. Inker LA, Eneanya ND, Coresh J et al. New Creatinine- and Cystatin C-Based Equations to Estimate GFR without Race. New England Journal of Medicine, 2021. PubMed · DOI 2 3

  5. Trocchi P, Girndt M, Scheidt-Nave C, Markau S, Stang A. Impact of the estimation equation for GFR on population-based prevalence estimates of kidney dysfunction. BMC Nephrology, 2017. PubMed · DOI 2 3

  6. Grams ME, Coresh J, Matsushita K et al. (CKD Prognosis Consortium). Estimated Glomerular Filtration Rate, Albuminuria, and Adverse Outcomes: An Individual-Participant Data Meta-Analysis. JAMA, 2023. PubMed · DOI 2 3 4

  7. Gemeinsamer Bundesausschuss (G-BA) – Richtlinie über die Gesundheitsuntersuchungen zur Früherkennung von Krankheiten (Gesundheitsuntersuchungs-Richtlinie), Anlage 1: Laborleistungen aus dem Blut (Lipidprofil, Nüchternplasmaglucose) und aus dem Urin (Harnstreifentest auf Eiweiß, Glucose, Erythrozyten, Leukozyten und Nitrit). g-ba.de 2 3

  8. IQWiG / Gesundheitsinformation.de – Chronische Nierenkrankheit (Niereninsuffizienz), aktualisiert am 14. August 2024: Definition über mehr als drei Monate, später Symptombeginn, Beschwerden im fortgeschrittenen Stadium, etwa neun Millionen Betroffene, Diabetes, Bluthochdruck und bestimmte Schmerzmittel als Risikofaktoren, regelmäßige Kontrolle bei Risikogruppen. gesundheitsinformation.de 2 3 4 5 6

  9. Deutsche Gesellschaft für Nephrologie (DGfN) – Pressemeldung vom 04.12.2024 zur Aktualisierung der S3-Leitlinie CKD in der hausärztlichen Versorgung: Schätzung von 8 bis 10 Millionen Betroffenen in Deutschland, Aufwertung der UACR, deutschsprachiger Rechner zur Kidney Failure Risk Equation. dgfn.eu 2

  10. Schaeffner ES, Ebert N, Kuhlmann MK, Martus P, Mielke N, Schneider A, van der Giet M, Huscher D. Age and the Course of GFR in Persons Aged 70 and Above. Clinical Journal of the American Society of Nephrology, 2022 – Berlin Initiative Study, Charité-Universitätsmedizin Berlin. PubMed · DOI 2 3

  11. Ebert N, Pottel H, van der Giet M, Kuhlmann MK, Delanaye P, Schaeffner E. The Impact of the New CKD-EPI Equation on GFR Estimation in the Elderly. Deutsches Ärzteblatt International, 2022 (Korrespondenzbeitrag zur CKD-EPI-Gleichung 2021). PubMed · DOI 2

  12. Girndt M, Trocchi P, Scheidt-Nave C, Markau S, Stang A. The Prevalence of Renal Failure. Results from the German Health Interview and Examination Survey for Adults, 2008–2011 (DEGS1). Deutsches Ärzteblatt International, 2016. PubMed · DOI 2 3

  13. Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) – Versorgungsatlas-Bericht Nr. 24/03: Trends der Prävalenz diagnostizierter chronischer Nierenkrankheiten, Oktober 2024: Anstieg von 4,43 % (2013) auf 7,07 % (2022) bei Personen ab 40 Jahren, rund 2,94 Millionen Versicherte, regionale Verteilung. versorgungsatlas.de

  14. Pottel H, Björk J, Rule AD et al. Cystatin C-Based Equation to Estimate GFR without the Inclusion of Race and Sex. New England Journal of Medicine, 2023. PubMed · DOI

Avertissement médical. Cette fiche est fournie à titre informatif et éducatif ; elle ne constitue pas un avis médical et ne remplace pas une consultation. Les valeurs de référence varient selon les laboratoires et les techniques : seul votre médecin peut interpréter vos résultats dans votre contexte.