Vitamin-B1-Mangel: Symptome, Ursachen, Thiamin-Werte
Der Körper speichert Thiamin nur für Wochen. Welche Symptome auf einen Vitamin-B1-Mangel deuten, wer gefährdet ist und was der Blutwert wirklich hergibt.
Vitamin B1 – fachlich Thiamin – ist eines der meistverkauften Vitamine in der Drogerie und zugleich eines der am seltensten sinnvoll gemessenen. Ein Vitamin-B1-Mangel ist kein Massenphänomen, in bestimmten Situationen aber ein neurologischer Notfall: Der Körper speichert nur wenig davon, und wenn die Reserven leer sind, leiden Gehirn und Herz zuerst. Dieser Ratgeber erklärt, welche Symptome auf einen Mangel deuten, wer gefährdet ist – und warum der Blutwert weniger aussagt, als die Werbung für Nahrungsergänzung suggeriert. Vitamin B1 gehört zu den Vitaminwerten, neben Vitamin B12, der Folsäure und dem Vitamin D.
Auf einen Blick
- Thiamin ist wasserlöslich und wird kaum gespeichert; man ist auf die regelmäßige Zufuhr über die Nahrung angewiesen.1 Die DGE empfiehlt Erwachsenen 1,0 bis 1,3 mg pro Tag, je nach Alter und Geschlecht.2
- Im Blut misst man in Deutschland üblicherweise nicht „Vitamin B1 im Serum", sondern Thiaminpyrophosphat (TPP) im EDTA-Vollblut – TPP „hat sich etabliert" als Maß der Versorgungslage.1
- Die Referenzbereiche unterscheiden sich stark zwischen Laboren und werden mal in nmol/l, mal in µg/l angegeben: 70–180 nmol/l beim einen,3 24–99 µg/l beim anderen.4 Maßgeblich ist der Bereich neben Ihrem eigenen Ergebnis.
- Bei Verdacht auf eine Wernicke-Enzephalopathie wird nicht auf das Laborergebnis gewartet: Die Diagnose stützt sich auf das klinische Bild, die klassische Symptomtrias liegt nur bei einer Minderheit vollständig vor.56
- Die deutsche S3-Leitlinie zu alkoholbezogenen Störungen hält fest: Wird bei Alkoholabhängigkeit Glukose über die Vene gegeben, soll dies mit einer parenteralen Thiamin-Gabe kombiniert werden.7
- Das BfR sieht bei Vitamin B1 „eine sehr geringe Toxizität" und hält eine gesetzliche Höchstmenge für entbehrlich – ein Überschuss ist kaum gefährlich, ohne Mangel aber auch ohne belegten Nutzen.8
Was Vitamin B1 (Thiamin) ist
Thiamin ist ein wasserlösliches B-Vitamin, im Körper überwiegend als Thiamindiphosphat (gleichbedeutend: Thiaminpyrophosphat, TPP). Die Verteilung im Blut ist ungleich: rund 75 % stecken in den roten Blutkörperchen, 15 % in den weißen, nur etwa 10 % im Plasma.1 Genau deshalb ist eine Messung im Serum wenig sinnvoll – man erwischt den kleinsten Anteil.
TPP ist ein Cofaktor: ein unentbehrlicher Helfer für Enzyme, die Kohlenhydrate in Energie umbauen. Organe mit hohem Energieumsatz – Gehirn, Nerven und Herz – merken einen Mangel zuerst. Aufgenommen wird Thiamin überwiegend im Jejunum; gute Quellen sind Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Kartoffeln und Schweinefleisch.1 Weil die Leber wenig speichert, entsteht eine Unterversorgung innerhalb von Wochen, nicht erst nach Jahren.
B1 ist nicht B6 und nicht B12. Verwechseln Sie Thiamin nicht mit Vitamin B6 oder Vitamin B12: verschiedene Vitamine, verschiedene Mangelbilder. B1 und B6 lassen sich allerdings aus demselben EDTA-Röhrchen bestimmen.
Warum Vitamin B1 gemessen wird
Vitamin B1 gehört nicht zu den Routinewerten und steht auch nicht im Check-up 35; gemessen wird gezielt bei Verdacht. Ein deutsches Laborzentrum nennt als Indikationen: chronischer Alkoholabusus, Mangelernährung, Hämodialyse, akute Leberfunktionsstörungen, langdauernde parenterale Ernährung, erhöhter Bedarf in Schwangerschaft und Stillzeit, Therapiekontrolle.1
Das Problem: Die Beschwerden eines Mangels sind „oft unspezifisch" – Müdigkeit, Reizbarkeit, Gedächtnisstörungen, Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust, später Muskelschwäche und Nervenstörungen.1 Solche Symptome haben viele Ursachen. Deshalb steht Vitamin B1 fast nie allein, sondern eingebettet in eine Abklärung mit dem großen Blutbild, den Leberwerten, Albumin und Gesamteiweiß als Ernährungsmarkern oder den Nierenwerten.
Muss man dafür nüchtern sein?
Nüchternheit ist in der Regel nicht erforderlich; halten Sie sich an die Angabe auf Ihrem Laborzettel, da die Abnahme oft mit anderen Werten gebündelt wird. Wichtiger ist die Präanalytik: Thiamin ist lichtempfindlich. Die Probe muss sofort lichtgeschützt – etwa in Alufolie – und gekühlt gelagert, bei langen Transportwegen tiefgefroren versendet werden.41 Sagen Sie außerdem, wenn Sie B-Vitamin-Präparate einnehmen: Sie verschieben das Ergebnis.
Vitamin-B1-Normalwerte: TPP im Vollblut
Gemessen wird meist 1 ml EDTA-Vollblut mittels HPLC.14 Die folgenden Bereiche stammen aus akkreditierten deutschen Laboren – und zeigen das Wesentliche:
| Labor (Deutschland) | Parameter | Referenzbereich |
|---|---|---|
| MVZ Dr. Eberhard & Partner, Dortmund | Thiaminpyrophosphat, EDTA-Vollblut | 70 – 180 nmol/l3 |
| LADR (Zentrallabor Geesthacht u. a.) | Vitamin B1, EDTA-Vollblut | 24 – 99 µg/l4 |
Warum sich diese Zahlen nicht einfach ineinander umrechnen lassen
Zwei akkreditierte deutsche Labore, zwei verschiedene Einheiten – und dahinter zum Teil auch verschiedene Messgrößen: mal das aktive Thiaminpyrophosphat, mal das Gesamtthiamin im Vollblut, dazu unterschiedliche Geräte und Kalibrationen. Praktische Konsequenz: Maßgeblich sind Einheit und Referenzbereich auf Ihrem eigenen Befund; ein Verlaufsvergleich über Laborgrenzen hinweg ist unzuverlässig.
Und eine Einschränkung, die auf keinem Werbeflyer steht: Ein normaler Wert schließt einen Mangel nicht sicher aus, ein niedriger ist keine Diagnose. Eine Übersichtsarbeit zum Beriberi kommt sogar zu dem Schluss, dass angesichts der Kosten und Grenzen der Testverfahren die klinischen Zeichen und das Ansprechen auf die Behandlung die Messung des Thiaminspiegels häufig entbehrlich machen.9 Das ist die wichtigste Botschaft dieser Seite.
Vitamin-B1-Mangel: Symptome und Krankheitsbilder
Wernicke-Enzephalopathie – der Notfall
Die Wernicke-Enzephalopathie ist die akute, lebensbedrohliche Form des Thiaminmangels im Gehirn. Klassisch beschrieben wird eine Trias aus Verwirrtheit, Ataxie (Gangunsicherheit) und Augenmotilitätsstörungen – die „auch inkomplett vorliegen" kann.10 Eine systematische Übersichtsarbeit von 2026 bestätigt das: Die vollständige Trias fand sich nur bei einer Minderheit; die meisten fielen zunächst durch kognitive Störungen oder eine Polyneuropathie auf.6
Bleibt sie unbehandelt, kann sie in das Korsakow-Syndrom übergehen: bleibende Störungen vor allem des Kurzzeitgedächtnisses.1 Eine Übersicht von 2024 hält fest, dass die Wernicke-Enzephalopathie unterdiagnostiziert bleibt und intravenöses Thiamin zu selten eingesetzt wird – auch, weil klare Diagnosekriterien fehlen.5
⚠️ Verwirrtheit, unsicherer Gang oder Sehstörungen bei einem Menschen mit erhöhtem Risiko sind ein Notfall. Rufen Sie ärztliche Hilfe, warten Sie nicht auf Laborergebnisse und behandeln Sie nicht in Eigenregie. Über Präparate und Dosierungen entscheidet ausschließlich die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt.
Beriberi – „feucht" und „trocken"
Beriberi ist die klassische Mangelkrankheit, in zwei Formen: die „feuchte" Form mit Beteiligung von Herz und Kreislauf – Luftnot, Wassereinlagerungen, im schweren Verlauf Herzschwäche – und die „trockene" Form als Polyneuropathie mit Kribbeln und Schwäche vor allem in den Beinen.91 Historisch war sie dort verbreitet, wo polierter Reis das Hauptnahrungsmittel war;1 die Übersicht von 2026 betont jedoch, dass sie gut behandelbar, aber häufig fehldiagnostiziert ist und unerkannt lebensbedrohlich verlaufen kann.9
Wer ein erhöhtes Risiko hat
Alkohol – der wichtigste Zusammenhang in Deutschland
Alkoholkonsum ist hierzulande der relevanteste Weg in einen Thiaminmangel: einseitigere Nahrung, gestörte Aufnahme im Darm, erhöhter Verbrauch. Die – inzwischen archivierte – DGN-Leitlinie zum Alkoholdelir beziffert den Vitamin-B1-Mangel bei etwa der Hälfte der alkoholkranken Menschen und leitet daraus die Gefahr der Wernicke-Enzephalopathie ab.10
Die gültige S3-Leitlinie „Screening, Diagnose und Behandlung alkoholbezogener Störungen" (AWMF 076-001, DG-Sucht/DGPPN) enthält zwei klinische Konsenspunkte: Im Alkoholentzug soll zur Prophylaxe der Wernicke-Enzephalopathie Thiamin – ggf. kombiniert mit Magnesium – gegeben werden; und wenn Glukose über die Vene verabreicht wird, soll dies mit einer parenteralen Thiamin-Applikation kombiniert werden.7 Die DGN-Leitlinie formuliert die Reihenfolge direkter: erst Vitamin B1, „erst dann glukosehaltige Infusionslösungen".10
Der Hintergrund: Zucker zu verstoffwechseln verbraucht Thiamin. Wer leere Reserven hat und eine Zuckerinfusion bekommt, kann dadurch erst recht in eine Wernicke-Enzephalopathie rutschen. Eine Regel für die Klinik – aber sie erklärt, warum bei der Krankenhausaufnahme so konsequent nach Alkoholkonsum gefragt wird.
Zur Einschätzung des Konsums selbst dienen ganz andere Werte: die Gamma-GT, das MCV, das CDT aus dem Transferrin sowie die Transaminasen GOT und GPT. Kein einzelner davon ist ein Beweis.
Nach Magenverkleinerung und Magenbypass
Die deutsche S3-Leitlinie „Chirurgie der Adipositas und metabolischer Erkrankungen" (AWMF 088-001, Fassung 2018) korrigiert eine frühere Einschätzung deutlich: „Entgegen früherer Einschätzung ist ein Defizit bei 18 % der Patienten zu erwarten." Als Ursachen nennt sie eine verminderte Salzsäure-Produktion, fortgesetztes Erbrechen und eine verminderte Zufuhr; empfohlen wird ein Multivitamin-Mineralstoff-Präparat, für die reine Prophylaxe „können keine Dosisempfehlungen gegeben werden".11
Eine systematische Übersichtsarbeit von 2026 zu Wernicke-Enzephalopathien bei nicht alkoholkranken Menschen nach Eingriffen am Magen-Darm-Trakt bestätigt das Muster über die Adipositaschirurgie hinaus: Betroffen waren auch Menschen nach onkologischen und Notfalleingriffen; häufigster Auslöser war anhaltendes Erbrechen.6
Weitere Risikosituationen
- Anhaltendes Erbrechen – einschließlich der Hyperemesis gravidarum. Das Deutsche Ärzteblatt dokumentierte 2022 den Fall einer 17-jährigen Schwangeren, die nach zwei Monaten schweren Erbrechens mit Verwirrtheit, Nystagmus, Ataxie und Beinschwäche aufgenommen wurde; der Thiaminwert lag bei 49 nmol/l, das MRT zeigte typische Signalanhebungen in den Corpora mamillaria.12
- Schwere Mangelernährung, langdauernde parenterale Ernährung und Hämodialyse – Thiamin ist wasserlöslich und dialysierbar.1 Auch der Kostaufbau nach langer Nahrungskarenz kann eine Wernicke-Enzephalopathie auslösen: Beim Refeeding-Syndrom steigt der Thiaminverbrauch beim Umschalten auf einen anabolen Stoffwechsel stark an.13
- Entwässernde Medikamente (Diuretika): Eine Studie an hospitalisierten Menschen mit Nieren- und Herzschwäche fand unter Furosemid niedrigere Thiaminspiegel.14
- Erhöhter Bedarf bei Schilddrüsenüberfunktion (dann gehören die Schilddrüsenwerte in die Abklärung), in Schwangerschaft und Stillzeit, bei schwerer Belastung, anhaltendem Durchfall oder Fieber; bei Morbus Crohn ist zusätzlich die Aufnahme im Dünndarm vermindert.1
Vitamin B1 zu hoch – ist das gefährlich?
Kurz: praktisch nie. Weil Thiamin wasserlöslich ist, wird ein Überschuss über die Nieren ausgeschieden. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat für Vitamin B1 keinen Tolerable Upper Intake Level ableiten können, weil „auch bei Verzehr von hohen Mengen … keine nachteiligen gesundheitlichen Effekte beobachtet" wurden, und hält eine Höchstmengenfestlegung für Nahrungsergänzungsmittel für entbehrlich.8
Ein hoher Messwert bedeutet meist schlicht: Sie nehmen ein Präparat ein. Und hier lohnt der nüchterne Blick: Ohne nachgewiesenen Mangel hat eine B1-Supplementierung „gegen Müdigkeit" keinen belegten Nutzen. Ein niedriger Wert wiederum spricht über Ernährung und Reserven – er ist kein Tumormarker.
Wird der Test von der Krankenkasse bezahlt?
Ja, aber nur mit Grund. Die Bestimmung von Vitamin B1 (TPP) hat im EBM, dem Katalog der gesetzlichen Krankenversicherung, eine eigene Ziffer: 32306; werden B1 und Vitamin B6 gemeinsam aus einem Röhrchen bestimmt, wird sie nur einmal angesetzt. Privat läuft die Abrechnung über die GOÄ (Ziffer 4145).1
Entscheidend ist die Indikation: Erstattungsfähig sind Vitaminbestimmungen nur bei durch klinische Symptome begründetem Verdacht, dokumentiert mit einer ICD-10-Diagnose aus E50–E64 – Thiaminmangel trägt den Schlüssel E51.15 Die Verbraucherzentrale fasst die Alltagsregel zusammen: Besteht ein Verdacht, zahlt die Krankenkasse; sonst ist es eine individuelle Gesundheitsleistung (IGeL) auf eigene Rechnung. Von „Rundum-Tests" rät sie ab, „da Deutschland kein Vitaminmangelland ist".16
Was den Wert beeinflusst
Auf den Thiaminstatus wirken die Ernährung und Verluste beim Kochen, Alkohol, ein erhöhter Bedarf (Schwangerschaft, Schilddrüsenüberfunktion, Fieber, starke Belastung), Verluste über Durchfall, Erbrechen, Dialyse oder Diuretika sowie eine gestörte Aufnahme nach bariatrischen Operationen.11114 Auf den Messwert wirken zusätzlich Präparate und die Probenbehandlung – Licht und Wärme zerstören Thiamin.4
Die DGE-Referenzwerte für die Zufuhr (1,0 mg/Tag für Frauen, 1,1–1,3 mg/Tag für Männer, 1,3 mg/Tag in der Stillzeit) erreicht man mit abwechslungsreicher Ernährung ohne Präparate.2
Aktuelle Forschung
Aus aktuell in PubMed indexierten Publikationen:
- Die Trias trügt. Eine systematische Übersichtsarbeit von 2026 zu 13 Studien mit 1.036 Patientinnen und Patienten fand die klassische Trias nur bei einer Minderheit; überwiegend zeigten sich atypische Bilder wie kognitive Defizite und Polyneuropathie. Häufigster Auslöser war Erbrechen, eine frühe intravenöse Thiamin-Gabe ging mit günstigeren Verläufen einher.6
- Weiterhin unterdiagnostiziert. Eine systematische Literaturübersicht von 2024 kommt zu dem Schluss, dass die Wernicke-Enzephalopathie unterdiagnostiziert und intravenöses Thiamin unterbeansprucht bleibt – es fehlen verbindliche Diagnosestandards.5
- Beriberi – behandelbar, aber oft verkannt. Eine Übersichtsarbeit von 2026 argumentiert, dass angesichts der Grenzen der Labormethoden die klinische Beurteilung und das Ansprechen auf die Behandlung diagnostisch tragfähiger sein können als die Serummessung.9
- Medikamente als Mitverursacher. Bei stationär behandelten Menschen mit Nieren- und Herzinsuffizienz fanden sich unter dem Diuretikum Furosemid niedrigere Thiaminspiegel – ein Mangel ist nicht nur eine Ernährungsfrage.14
Diese Ergebnisse betreffen Diagnostik und Forschung. Sie rechtfertigen keine Selbstbehandlung und ersetzen keine ärztliche Beratung.
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Ein Thiaminwert allein sagt wenig. Seine Bedeutung entsteht erst im Zusammenspiel mit Ihrer Ernährung, Ihren Medikamenten, einer möglichen Magen-Darm-Operation und den übrigen Vitaminwerten – von Vitamin B12 und Folsäure bis zum Vitamin D.
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Häufige Fragen
Was sind die Symptome eines Vitamin-B1-Mangels? Anfangs unspezifisch: Müdigkeit, Reizbarkeit, Appetitlosigkeit, Gedächtnisstörungen, Gewichtsverlust. Später Muskelschwäche, Kribbeln und Schwäche in den Beinen sowie Herz-Kreislauf-Beschwerden.1 Verwirrtheit, Gangunsicherheit oder Augenbewegungsstörungen sind Alarmzeichen und gehören sofort ärztlich abgeklärt.
Wie hoch ist ein normaler Vitamin-B1-Wert? Das hängt vom Labor und der Einheit ab. Zwei deutsche Labore geben 70–180 nmol/l (TPP im Vollblut)3 beziehungsweise 24–99 µg/l4 an. Lesen Sie den Bereich, der neben Ihrem Ergebnis steht.
Ist der Vitamin-B1-Bluttest zuverlässig? Nur begrenzt. Ein normaler Wert schließt einen beginnenden Mangel nicht aus, und bei Verdacht auf eine Wernicke-Enzephalopathie wird das Ergebnis nicht abgewartet.59 Aussagekräftiger als Serum ist das TPP im Vollblut.1
Warum bekommen Menschen im Alkoholentzug Vitamin B1? Weil ein Mangel bei ihnen häufig ist10 und die S3-Leitlinie Thiamin zur Prophylaxe der Wernicke-Enzephalopathie vorsieht – und weil eine Glukoseinfusion ohne Thiamin einen Mangel dramatisch verschärfen kann.7
Muss ich nach einer Magenverkleinerung auf Vitamin B1 achten? Ja. Die deutsche S3-Leitlinie rechnet mit einem Defizit bei 18 % der Operierten und empfiehlt eine dauerhafte Multivitamin-Supplementierung; besondere Aufmerksamkeit gilt anhaltendem Erbrechen.11 Die Nachsorge legt Ihr Behandlungsteam fest.
Kann man Vitamin B1 überdosieren? Praktisch kaum: Das BfR sieht eine „sehr geringe Toxizität" und hat keinen Höchstwert festgelegt.8 Nützen tut eine Einnahme ohne Mangel deshalb trotzdem nichts.
Zahlt die Krankenkasse den Vitamin-B1-Test? Bei einem symptombegründeten Verdacht ja (EBM-Ziffer 32306, ICD-10 E51).115 Ohne Verdacht ist es eine IGeL-Leistung, die Sie selbst zahlen.16
Kann ein Vitamin-B1-Mangel in der Schwangerschaft auftreten? Ja, vor allem bei schwerem, anhaltendem Erbrechen (Hyperemesis gravidarum) – dokumentiert bis hin zur Wernicke-Enzephalopathie.12 Sprechen Sie starkes Erbrechen früh bei Ihrer Ärztin oder Hebamme an.
Bedeutet ein niedriger Vitamin-B1-Wert Krebs? Nein. Thiamin ist kein Tumormarker. Ein niedriger Wert spricht über Ernährung, Aufnahme und Verbrauch.
Das Wichtigste in Kürze
Vitamin B1 (Thiamin) ist ein wasserlösliches Vitamin mit kleinen Reserven – ein Mangel entsteht in Wochen, nicht in Jahren. Die relevanten Risikosituationen: Alkoholkonsum, bariatrische Operationen, anhaltendes Erbrechen (auch in der Schwangerschaft), parenterale Ernährung, Dialyse und Diuretika. Der Blutwert ist dabei die schwächste Stelle der Kette: bestimmt als TPP im EDTA-Vollblut, mit Referenzbereichen, die sich stark zwischen Laboren unterscheiden (70–180 nmol/l bzw. 24–99 µg/l) – und bei Verdacht auf eine Wernicke-Enzephalopathie entscheidet ohnehin das klinische Bild. Verwirrtheit, Gangunsicherheit oder Augenbewegungsstörungen bei einem Risikoprofil sind ein Notfall. Ohne Mangel bringt eine Supplementierung „für mehr Energie" keinen belegten Nutzen – gefährlich ist sie allerdings auch nicht. Erst im Verbund mit den übrigen Vitaminwerten ergibt sich ein Bild. Dabei hilft AI DiagMe, ergänzend zu Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
Quellen
Deutsche Fachgesellschaften, Behörden und Labore sowie wissenschaftliche Publikationen (PubMed):
Footnotes
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MVZ Labor Leipzig, Dr. Reising-Ackermann und Kollegen (Limbach Gruppe) – Laborinformation LABORAKTUELL: Vitamin-B1-Hypovitaminose, 08/2024 (Autorinnen: P. Reichwald, Dr. A. Möllers, Dr. J. Schuster). Verteilung im Vollblut: 10 % Plasma, 15 % Leukozyten, 75 % Erythrozyten; Resorption vor allem im Jejunum; „Für die Bestimmung der Vitamin-B1-Versorgungslage hat sich die Messung von Thiaminpyrophosphat etabliert."; Material 1 ml EDTA-Vollblut, Transport lichtgeschützt und tiefgefroren, Methode HPLC; Indikationen (chronischer Alkoholabusus, Mangelernährung, Hämodialyse, akute Leberfunktionsstörungen, längerfristige parenterale Ernährung, erhöhter Bedarf in Schwangerschaft und Stillzeit, Therapiekontrolle); Risikogruppen inkl. Hyperthyreose, Morbus Crohn, Durchfall, Fieber; Abrechnung EBM 32306 (22,30 €) und GOÄ 4145. labor-leipzig.de (PDF) ↩ ↩2 ↩3 ↩4 ↩5 ↩6 ↩7 ↩8 ↩9 ↩10 ↩11 ↩12 ↩13 ↩14 ↩15 ↩16 ↩17 ↩18
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Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) – Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr: Thiamin (Vitamin B₁). Empfohlene Zufuhr Erwachsene: Frauen 1,0 mg/Tag (alle Altersgruppen ab 19 Jahren); Männer 1,3 mg/Tag (19–25 Jahre), 1,2 mg/Tag (25–65 Jahre), 1,1 mg/Tag (ab 65 Jahren); Schwangere 1,2 mg/Tag (2. Trimester) bzw. 1,3 mg/Tag (3. Trimester); Stillende 1,3 mg/Tag. Ableitung aus den alters- und geschlechtsspezifischen Richtwerten für die Energiezufuhr. dge.de ↩ ↩2
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MVZ Dr. Eberhard & Partner Dortmund GbR (ÜBAG) – Untersuchungsprogramm, Vitamin B1 als Thiaminpyrophosphat: Material EDTA-Blut 1 ml, Methode HPLC, Referenzbereich 70–180 nmol/l, „Probe lichtgeschützt aufbewahren!"; Thiamindiphosphat als „verlässlichster Parameter zur Einschätzung der Versorgung mit Vitamin B1"; akkreditierte Analyse. medizin-zentrum-dortmund.de ↩ ↩2 ↩3
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LADR – Der Laborverbund Dr. Kramer & Kollegen, A–Z-Laboranalysen, Vitamin B1 (Thiamin): Material 1 ml EDTA-Vollblut, „lichtgeschützt und gekühlt – ggf. gefroren", taggleicher Laboreingang erforderlich; Referenzbereich 24–99 µg/l; Indikationen Vitaminstatus, schwere Fehl- oder Mangelernährung, neurologische Störungen, Hämodialyse-Patienten. ladr.de ↩ ↩2 ↩3 ↩4 ↩5 ↩6
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Cantu-Weinstein A, Branning R, Alamir M, et al. Diagnosis and treatment of Wernicke's encephalopathy: A systematic literature review. Gen Hosp Psychiatry, 2024 Mar–Apr;87:48–59. 27 eingeschlossene Studien; die Wernicke-Enzephalopathie bleibt unterdiagnostiziert und intravenöses Thiamin unterbeansprucht; die Autorinnen und Autoren benennen fehlende Diagnosestandards als zentrale Limitation. PubMed · DOI ↩ ↩2 ↩3 ↩4
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Abu-Qasem H, Thalib HI, Ghazi ZS, et al. Wernicke encephalopathy in non-alcoholic patients following gastrointestinal procedures: a systematic review. Front Surg, 2026;13:1802386. 13 Studien, 1.036 Patientinnen und Patienten; die klassische Trias lag nur bei einer Minderheit vor, überwiegend atypische Bilder (kognitive Defizite, Polyneuropathie); Erbrechen als häufigster auslösender Faktor; MRT-Veränderungen in Thalami, Corpora mamillaria und periaquäduktalem Grau; frühe intravenöse Thiamingabe mit günstigeren Verläufen. PubMed · DOI ↩ ↩2 ↩3 ↩4
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Deutsche Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie (DG-Sucht) und Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) – S3-Leitlinie „Screening, Diagnose und Behandlung alkoholbezogener Störungen", AWMF-Register-Nr. 076-001, Kurzfassung, Gültigkeit verlängert Januar 2025. Klinische Konsenspunkte: „Im Alkoholentzug sollte zur Prophylaxe der Wernicke Enzephalopathie Thiamin, ggf. in Kombination mit Magnesium, gegeben werden."; „Wenn bei Menschen mit Alkoholabhängigkeit eine parenterale Glukosegabe erfolgt, soll diese mit einer parenteralen Thiamin-Applikation kombiniert werden." register.awmf.org · PDF (Kurzfassung) ↩ ↩2 ↩3
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Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) – Höchstmengenvorschläge für Vitamin B1, Vitamin B2 und Pantothensäure in Lebensmitteln inklusive Nahrungsergänzungsmitteln. „Für Vitamin B1 wurde kein UL abgeleitet, und auch bei Verzehr von hohen Mengen wurden keine nachteiligen gesundheitlichen Effekte beobachtet. Angesichts der sehr geringen Toxizität von Vitamin B1 kann aus Sicht des BfR derzeit auf die Festlegung einer Höchstmenge für dieses Vitamin, sowohl für Nahrungsergänzungsmittel als auch zur Anreicherung von Lebensmitteln des allgemeinen Verzehrs, verzichtet werden." bfr.bund.de (PDF) ↩ ↩2 ↩3
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Pereira AG, Cunha LNP, Paiva SAR, et al. An Overview of Beriberi. Med Princ Pract, 2026;35(1):18–24. „Feuchte" Form mit Herz-Kreislauf-Beteiligung, „trockene" Form als Polyneuropathie; häufig fehldiagnostiziert und ohne rasche Behandlung lebensbedrohlich; angesichts der Kosten und der Grenzen der Assays zur Erfassung eines Thiaminmangels können die klinische Beurteilung und der Therapieversuch die Messung des Serumthiamins entbehrlich machen. PubMed · Volltext (PMC) ↩ ↩2 ↩3 ↩4 ↩5
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Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN), Kommission Leitlinien – Alkoholdelir und Verwirrtheitszustände, Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie, Entwicklungsstufe S1, AWMF-Registernummer 030/006, © DGN 2015 (archivierte Fassung, Federführung Prof. Dr. M. Maschke, Trier). „Vitamin-B1-Mangel bei 50 % der Alkoholkranken (Gefahr der Wernicke-Enzephalopathie, WE)"; Wernicke-Trias „Bewusstseinstrübung/Verwirrtheit, Ataxie, komplexere Augenmotilitätsstörung, die auch inkomplett vorliegen kann"; Reihenfolge: Vitamin B1, „erst dann glukosehaltige Infusionslösungen"; „Präventiv sollten bei Alkoholkranken erforderlich werdende parenterale Glukosegaben mit einer parenteralen Thiamin-Applikation kombiniert werden." dgn.org (PDF) ↩ ↩2 ↩3 ↩4
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Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie (DGAV) – S3-Leitlinie: Chirurgie der Adipositas und metabolischer Erkrankungen, AWMF-Registernummer 088-001, Version 2018-02 (zwischenzeitlich abgelaufen). Kapitel zur postoperativen Supplementation: „Vitamin B1: Entgegen früherer Einschätzung ist ein Defizit bei 18 % der Patienten zu erwarten. Ursächlich kommen eine verminderte Salzsäure-Produktion, fortgesetztes Erbrechen oder verminderte Zufuhr in Frage. Für die Prophylaxe können keine Dosisempfehlungen gegeben werden."; Tabelle der Supplementation: Vitamin B1 – „MVM-Präparat 2x/d, keine Dosis-Empfehlung". register.awmf.org (PDF) ↩ ↩2 ↩3
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Saghir K, Louhab N, Kissani N. Wernicke-Enzephalopathie. Deutsches Ärzteblatt, 2022;119(27–28). Kasuistik einer 17-jährigen Schwangeren (13. SSW) mit Hyperemesis gravidarum seit zwei Monaten: Verwirrtheit, beidseitiger Nystagmus, Ataxie, Areflexie, Beinschwäche (Kraftgrad 2/5), Anämie, Hyponatriämie und Hypokaliämie; Thiaminkonzentration 49 nmol/l; MRT mit beidseitig symmetrischer Signalanhebung in den Corpora mamillaria und im periaquäduktalen Grau; Rückbildung der Verwirrtheit nach einwöchiger intravenöser Thiaminsubstitution. aerzteblatt.de ↩ ↩2
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Bornemann G, Schubert GM. Wernicke-Enzephalopathie bei Refeeding-Syndrom. Psychiatr Prax, 2026 Mar;53(2):104–106 (Originalarbeit in deutscher Sprache; Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universität Leipzig, und Fachkrankenhaus Hubertusburg, Wermsdorf). Kasuistik einer Patientin mit Anorexia nervosa vom restriktiven Typ: „Pathophysiologisch liegt ein gesteigerter Thiaminverbrauch bei plötzlicher Umstellung auf eine anabole Stoffwechsellage zu Grunde. An eine Wernicke-Enzephalopathie sollte auch bei unspezifischer Symptomatik bei jeglicher Mangelernährung gedacht werden, insbesondere da erstere durch ein Refeeding-Syndrom getriggert werden kann." PubMed · DOI ↩
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Bicer I, Dizdar OS, Dondurmacı E, et al. Furosemide-related thiamine deficiency in hospitalized hypervolemic patients with renal failure and heart failure. Nefrologia (Engl Ed), 2023 Jan–Feb;43(1):59–66. Beobachtungsstudie an stationären hypervolämen Patientinnen und Patienten mit Nieren- und Herzinsuffizienz: niedrigere Thiaminspiegel unter Furosemid. PubMed · DOI ↩ ↩2 ↩3
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IWW Institut, Fachdienst AAA – Abrechnung aktuell – Cave: Bestimmungen und Verordnungen von Vitaminen! Zur Abrechenbarkeit von Vitaminbestimmungen zulasten der GKV: erforderlich ist ein durch klinische Symptome begründeter Verdacht auf eine Vitaminmangelerkrankung mit passender ICD-10-Kodierung aus dem Bereich E50–E64, jeweils mit Zusatz „V" (Verdacht) oder „G" (gesichert). iww.de ↩ ↩2
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Verbraucherzentrale (Projekt Klartext Nahrungsergänzung) – Vitamine und Mineralstoffe: Wie lässt sich ein Nährstoffmangel feststellen? „Rundum-Tests sind in der Regel wenig sinnvoll, da Deutschland kein Vitaminmangelland ist."; Kostenträgerschaft: bei begründetem Verdacht die Krankenkasse, sonst individuelle Gesundheitsleistung (IGeL) zulasten der Patientinnen und Patienten; Haaranalysen sind „kein anerkanntes diagnostisches Verfahren"; Schnelltests „können nur einen Anhaltspunkt bieten". verbraucherzentrale.de ↩ ↩2